Nachrichten vom Höllenhund


Scarpa
5. Dezember 2009, 21:35
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Tiziano Scarpa: Stabat mater

Frau Mutter. Das Waisenmädchen Cecilia beschwört ihre Mutter, die sie nicht kennt, schreibt Briefe, in denen sie ihre ganze Not packt, die sie aber, da es keine Adresse gibt, nicht abschicken kann. Frau Mutter. Cecilia will wissen, woher sie kommt, warum sie im venezianischen Waisenhaus und Kloster Ospedale della Pietà ist, sie sucht das Gebäude bis in die verborgensten Winkel ab. Frau Mutter.

 Allmählich beginne ich mir ein Bild von Euch zu machen. Ein plausibles Bild, will ich damit sagen. Glaubt nicht, ich hätte mir Euch in all den Jahren nie ausgemalt. Aber erst seit kurzem habe ich begonnen, mir Euch vorzustellen, wie Ihr wohl wirklich sein müsst. Zumindest glaube ich das. All das, was ich mir so zusammengereimt hatte, war nichts weiter als der Trost, den sich ein eingeschüchtertes Kind zuspricht, ein bequemes, maßgeschneidertes Bild, das meine Befindlichkeit erklären sollte.

 Stellt Euch vor, ich war überzeugt, dass Ihr eine böse Hexe seid. Wirklich, lacht nicht! Ich stellte mir Euch als Hexe mit einem langen schwarzen Mantel vor, Ihr erfülltet die Nacht mit einem Lachen, das einem das Blut in den Adern gefrieren ließ, während Ihr ein Bündel in einer Nische des Waisenhauses ablegtet, ja, so habe ich mir Euch vorgestellt.

 Cecilia sieht viel, macht sich viele Gedanken, auch über die Musik, die die Waisenmädchen singen und spielen, verborgen ihr Körper, nur Klang für die geistlichen Herren. Die Mädchen gelten nichts, die Musik ist alles, „die Musik ist aus Frauen gemacht“, schreibt Maike Albath in der SZ.

Ich wurde von Zeit und Raum durchgeschüttelt, und von allem, was sie in sich tragen. Zum Schluss war ich ganz er­schöpft, innerhalb einer Stunde war ich zu Musik geronne­ner Hagel, Hitze, Eis, Schwüle, erstarrte Füße, feiner Regen, gefrorener Boden, der beim Hinfallen wehtut, zartes Wiesen­grün, ich war als Musik im Traum eines Ziegenhirten, in ei­nem bellenden Hund, in den Augen einer Fliege, ich war die zu Musik gewordene schwarze Wolke, der Tritt eines Betrun­kenen, ein zu Tode erschrockenes Tier und die Kugel, die es ums Leben bringt.

 Angst ist die Grundstimmung, besonders die Angst Cecilias, auch als sie fünfzehn ist und die beste und einfühlsamste Violinistin. Erst als der neue Hauskomponist, es ist Antonio Vivaldi, ins Kloster kommt, findet Cecilia einen Reibungspunkt. Vivaldi stachelt sie an, nicht nur musikalisch, sie erweitert ihren Blick und flieht schließlich.

Das Besondere ist nicht der Inhalt, sondern die Gestaltung. In kurzen Abschnitten, bohrenden Gedanken, Ansätzen zu Briefen, altklugen Reflexionen, verschachtelt wie die barocke Musik des titelgebenden “Stabat mater” von Vivaldi entwickelt sich der kurze Roman. Der dennoch zu lang ist, weil die quälenden Fragen und Selbstzweifel der Ich-Erzählerin Cecilia in ihren vielen Variationen auch beim Lesen quälen. Man kann sich darauf einlassen, man kann auch verstimmt sein, weil die Kompositionsmethode zu offensichtlich ist.

Tiziano Scarpa erhielt für “Stabat mater” 2009 den wichtigsten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega. Franz Haas fragt sich in der NZZ sehr heftig, warum. 

2008         140 Seiten

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