Nachrichten vom Höllenhund


Politycki
24. April 2010, 20:14
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Matthias Politycki: Jenseitsnovelle

Hinrich Schepp kommt nach Hause, wo es seltsam riecht, und er macht eine irritierende Entdeckung auf seinem Schreibtischsessel: das unerhörte Ereignis.

 Jedenfalls waren es keine verfaulten Blumenstengel ge­wesen, die er beim Eintreten gerochen hatte, das stand nun fest. Schepp stützte sich mit den Armen auf und blickte Doro in das, was er von ihren Augen noch sehen konnte; ihr die Lider zu schließen, wagte er nicht. Wie lang sie hier wohl schon saß und auf ihn wartete und tot war? Er tastete nach ihrem Puls, mehrmals mußte er an­setzen, weil er sich so vor der Kälte ihres Handgelenks er­schrak, daß er sofort zurückzuckte; er war sich ohnehin sicher, daß es hier nichts mehr zu spüren gab. Ob man trotzdem einen Arzt holen sollte, holen mußte?

Der Blick fuhr ihm übers Parkett davon und in die große Leere, er sah sich am Totenbett seiner Mutter, wie er reg­los stand, weil er es schier nicht vermochte, sie zum Ab­schied zu berühren, sah sich, wie er ihr schließlich wort­los die Hand auf die Stirn legte – und unvermittelt wieder in der eichenholzharten Gegenwart des Schreibtischs, auf dem tatsächlich eines seiner Manuskripte zu liegen schien. Offenbar hatte Doro daran korrigiert und, wie gewohnt, eine kurze Nachbemerkung dazu geschrieben.

 Das Manuskript “Marek, der Säufer” ist ein weggelegt geglaubter Romananfang Schepps, des kauzigen alten Sinologen, und die Rand- und Nachbemerkungen setzen ein Wechselspiel in Gang zwischen fiktiver Handlung des Romans in der Novelle und dem Novellenpersonal, Schepp und seiner Frau Doro und einer rätselhaft faszinierenden Polin Dana.

 Schepp, bis gestern ein Glatzeüberkämmer alten Schlages, zwischen Melancholie und Größenwahn still schwankend, nun rasierte er sich den Schädel kahl, wählte buntere Einstecktücher, ein kräftigeres Rasierwasser, verlieh sich mit der einen oder anderen spitzfindigen Bemerkung eine Wichtigkeit, die ihm mit Gelächter belohnt wurde, oh, er war seiner Vernunft so überdrüssig geworden. Kaum forschte er noch, bald publizierte er überhaupt nicht mehr; in das respektvolle Mitleid, mit dem man ihn bislang am Lehrstuhl behandelt, mischte sich da und dort ein leiser Spott, einmal bekam er mit, wie man sich über ihn als »Professor Unrat« lustig machte. Was wußten Doktoranden denn schon. Im übrigen bot er zum ersten Mal einen Einführungskurs in das »I Ging« an, sehr zur Verwunderung von Doro, die er im Grunde nurmehr nachmittags traf, zur Teestunde.

So hätte das wahrscheinlich ewig weitergehen können. Und dann tauchte sie doch wieder auf, die Frau, an die er tagtäglich voll schaudernder Bewunderung dachte, Schepp hatte längst nicht mehr damit gerechnet. Als er eines Abends das La Pfiff betrat, wäre er fast in sie hineingestolpert, kein Zweifel möglich; mit ihrem Schriftzeichen am Hals war sie unmißverständlich gebrandmarkt. Noch dazu für einen Sinologen, die Sache war eben doch kein Zufall, sondern von der langen Hand des Schicksals für ihn arrangiert, für ihn, der als einziger die Zeichen zu lesen wußte.

 Das Zeichen, das Dingsymbol, das zwischen den beiden Fiktionalebenen vermittelt, ist das Kan, „das Abgründige“, das endlose Meer, das zwischen dem La Pfiff und dem Jenseits liegt, das man gemeinsam zu durchschwimmen sich versprochen hat. Dana trägt es als Tattoo am Hals, Doro hätte es begreifen können. Doch es kommt ganz anders.

Die „Jenseitsnovelle“ ist ein Spiel mit Stilen, mit Fiktionen, mit Leben und Tod. Im Ernst des Alterns und Sterbens liegen die seichten Abgründe der trivialen Tresenexistenzen.

Die „deutliche und überdeutliche Symbolik wird trickreich und mit postmoderner Ironie dargeboten“. (Richard Kämmerlings in der FAZ) Das heißt natürlich auch, dass weder die Novelle noch ihre Personen ernst genommen werden können. Dennoch kurzweilig – auch weil kurz.

2009         –       125 Seiten 

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