Nachrichten vom Höllenhund


Hochgatterer
18. Juli 2010, 12:11
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Paulus Hochgatterer: Das Matratzenhaus

Misshandelt wird immer und überall.

»Und wie meint er das mit dem Schlagen?«, fragte sie. »Kinder werden geschlagen«, sagte er.

»Werden sie das nicht ständig?«

»Nein, es ist anders. Systematischer. Und es geschieht hier.«

»Und was hast du damit zu tun?«

»Nichts. Eigentlich gar nichts«, sagte er.

Raffael Horn ist Psychiater und Ludwig Kovacz Kommissar. Sie wollen nicht nur herausfinden, weshalb die Kinder von der Schule wegbleiben, weshalb sie Mysteriöses über eine “schwarze Glocke” erzählen und weshalb sich die Störfälle in der Klinik häufen, sie fragen sich auch, ob nicht auch sie ihre Kinder falsch behandelt haben, vielleicht sogar geschlagen. Denn auch ihre Kinder sind nicht so geraten, wie sie das geplant haben. Das Mädchen erscheint plötzlich als Punkerin, der Junge fährt in Vaters Auto kiffend fort.

Es stimmt was nicht, eigentlich nichts mehr im idyllischen Furth am See, tief im schlagenden Herzen der österreichischen Provinz. Das ist aus den Medien bekannt. Hochgatterer, selbst Kinder- und Jugendpsychiater, kennt sich mit den Einzelnen aus, er beschreibt die mannigfaltigen Störungen von paraphrenen Syndromen bis zu Epiduralhämatomen. Zu viele Deformierte fast, wie in der Wirklichkeit, aber im Roman tue ich mich schwer, den Überblick zu behalten. Es treten auch recht viele Personen auf, Kollegen und Kranke, die etwas zu sagen oder zu verbergen haben; auch bei ihnen habe ich mich zuweilen vertan.

Im ersten Kapitel – „Wie es gewesen sein muss“ – schon lässt Hochgatterer den Leser ahnen, dass die Welt für ein Mädchen in verdunkelte Unordnung geraten ist.

Sie gehen, schneller als zuvor, erst eine Platanenzeile ent­lang, dann auf einem fest ausgetretenen Weg eine flache An­höhe empor. Die Frau blickt sich mehrmals um. Die Wol­kenberge stehen hoch über der Stadt. Im Osten ragen wie riesige Säulenstümpfe die Schlote des Kraftwerks auf Die Pelikane sind verschwunden. Das Mädchen läuft um die Ta­mariskenbüsche, die seitlich des Weges wachsen, herum und stößt kleine helle Laute aus. Als vor ihnen ein zinnoberfarbenes Haus mit Bogenfenstern auftaucht, tritt das Mädchen an die Seite der Frau und ergreift ihre Hand.

Der Diener, der das Tor öffnet, führt die beiden durch eine spärlich möblierte Halle in einen Glasanbau mit breiten Türen zum Garten. Drei Menschen, zwei Männer in An­zügen und eine Frau mit rosafarbener Handtasche, stehen dort und unterhalten sich in einer fremden Sprache. Als sie die Frau und das Mädchen erblicken, verstummen sie. Der eine Mann – er ist klein und dick – geht auf sie zu und legt dem Mädchen die Hand auf den Kopf. Das Mädchen duckt sich. Der andere Mann zieht einen Briefumschlag aus der Innentasche seiner Jacke und reicht ihn der Frau. Sie lässt das Mädchen los, tritt an ein rundes Tischchen mit Mosaik­platte, auf dem eine Vase und ein paar Gläser stehen, und öffnet den Briefumschlag. Sie legt das Geld, das sich drin befindet, vor sich hin, zählt es, indem sie Schein auf Schein neu aufstapelt, steckt es zurück und nimmt den Umschlag an sich. Sie lässt den gelben Stoffsack von der Schulter gleiten, hält mit abgespreizten Armen einen Augenblick lang inne und verlässt, ohne sich noch einmal umzublicken, mit hasti­gen Schritten den Raum.

Das Mädchen steht einfach da und schaut. In einer Ent­fernung von zwei, drei Metern liegt der Stoffsack auf dem Boden. Keiner sagt etwas.

Draußen läuft die Frau durch den Wind. Vielleicht lacht sie. Vielleicht schreit sie auch. Die ersten Tropfen schlagen schwer in den Staub.

Die weiteren Kapitel nähern sich dem Unbeschreiblichen, abwechselnd aus der Perspektive des Psychiaters, des Kommissars erzählt. Und dazwischen im Präsens und damit authentischer und subjektiv eingegrenzt der Bericht der Lehrerin und die hilflosen Andeutungen des Leids des entführten Mädchens im Matratzenhaus. Die Komposition lässt keinen reinen Krimi entstehen, erzeugt dennoch Spannung, kann aber auch verwirren. Man muss genau lesen. Und dem Roman selbst eine „Lösung“ geben, die er nicht anbietet.

Darüber hinaus lässt uns vor allem Horn teilhaben an seinen Menschenkenntnissen. Das kann man abnicken, sofern man sich nicht selbst ertappt fühlt als Mann mit einem Rasentrimmer oder Kampfhundhalter und nicht Österreicher ist. Klischees sind ja meist treffend.

Die Siedlungshäuser hatten etwas Beruhigendes. Sie beherbergten Menschen und spielten sich nicht auf. Allerhöchstens gab es dort und da eine protzige Terrassenbrüstung oder am Gartentor den Hinweis auf eine Alarmanlage. Keine Werbeflächen, keine Schaufenster, keine Messingschilder von Arzt- oder Anwaltspraxen. In einem der Vorgärten war ein Mann mit dem Rasentrimmer unterwegs. Eine gut gepflegte Zwangsstruktur ist der Motor der europäischen Gesellschaft, dachte Horn, das Trimmen von Rasen, das Formulieren von Nahrungsmittelstandards und das Einsperren der Menschen in das Korsett eines uniformen lebenslangen Lernens. Dahinter nichts als Gier und Hass; bestenfalls waren die Akzente ein wenig verschoben: etwas mehr infantile Oralität in Italien, mehr aggressiver Narzissmus in Frankreich und in Österreich diese freundliche Variante der Bösartigkeit, die in Wahrheit nichts anderes darstellte als die Abwehr der Gewissheit einer permanenten Erektionsschwäche. »Bei uns vögelt man nicht so gerne«, hatte seine Lehranalytikerin einmal gesagt, »bei uns geht man lieber in die Kirche oder auf Elternsprechtage und hintennach macht man andere Leute fertig.«

„Am Ende bleibt manches rätselhaft, was sich bei erneuter, vorgewarnter Lektüre indes sofort erschließt. Aber Hochgatterer geht es nicht um die Lösung eines Falls, weder medizinisch noch kriminalistisch. Was sein Werk vermittelt, ist ein geschärftes Bewusstsein dafür, wie fragil die Scharniere sind, die das Innerste im Zaum halten. Und das beunruhigende Gefühl, dass es nicht an Zeichen fehlt, sondern an der Fähigkeit, sie auch zu sehen.“ (Felicitas von Lovenberg in der FAZ)

2010            295 Seiten 

2-3


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