Nachrichten vom Höllenhund


Timm
5. März 2011, 17:58
Filed under: - Belletristik | Schlagwörter:

Uwe Timm: Freitisch

timmfreitischWieder ein Mosaikstück aus Uwe Timms Werdegang. Fiktiv, natürlich, aber man darf das schon in die Erzählungen um Freunde und Verwandte einordnen. Für sich macht diese Novelle wenig her, als Puzzleteil füllt sie Lücken, man fragt, wie viele Timm noch findet.

Zwei Freunde, eher Bekannte aus der Zeit vor dem „heißen Sommer“ in München treffen sich nach Jahrzehnten in Anklam, einem Städtchen im Pommerschen mit einiger Geschichte und weniger Gegenwart. In München saßen sie am Freitisch beieinander, „in der Kantine  einer spendablen Versicherung, und kreisten in Gesprächen um Gott und die Welt und einen gemeinsamen Bezugspunkt: Arno Schmidt“ (Klappentext). Die Freunde sind sich fremd geworden, fremd geblieben, und so lassen sie, wie man’s so tut, alte Taten wieder auferstehen. Damaliges Ultra war die Idee, den eigenbrötlerischen Schriftsteller in Bargfeld zu besuchen. Davon würd’ ich auch erzählen, aber es reicht auch bei Timm nicht für einen Roman, auch nicht für die Novelle, „der freilich alles Novellenhafte fehlt: nicht nur die unerhörte Begebenheit, sondern sogar eine mitteilenswerte Handlung“ (Jörg Magenau, DeutschlandradioKultur). Ina Hartwig findet dagegen ein bislang zu wenig beachtetes Merkmal: „Freitisch“ „gehorcht der Gattung Novelle (in Novellen wird gern gegessen)“ (SZ). Gerahmt wird die Anekdote von Betrachtungen über die „blühenden“ Stadt-Landschaften in und um Anklam, der eine Freund macht in Mülldeponien und hat hier zu tun, der Erzähler war Lehrer, hat also nicht viel zu erzählen. (Ausnahme: „Regensburg ist doch eine wunderschöne Stadt.“) Arno Schmidt als Kern der „Novelle“, als „Falke“ – Timm spielt mit diesem Gedanken – ist zu weit weg, zu weit hergeholt. (Natürlich sollte man manches von Schmidt wieder mal lesen.)

Timm formuliert souverän, ohne Schnörkel, gelassen. Die Zeitebenen sind fugenlos verknüpft, das ist vielleicht das Gelungenste an diesem ansonsten unspektakulären kleinen Text.

Und Sie? Freiwillig hier?, fragte Euler.
Durchaus. Dienstverpflichtung gibt’s ja nicht. Er schien wirklich ahnungslos, was des deutschen Beamten Rechte und Pflichten sind.
Lehrer, Deutsch, Geschichte. Wie gesagt, jetzt pensioniert. Rosen und Porree. Und so nebenher ein Antiquariat, nichts Großes und mehr als Tarnung vor Frau und Familie. Ich sammle Erstausgaben. Verkaufe aber praktisch nichts. Kann mich einfach nicht trennen. Höchstens mal, wenn ich was doppelt oder dreifach habe. Bin wie ein Wirt, der sich selbst der beste Gast ist. Spezialisiert auf Achtundsechzig und Arno Schmidt.
Ich sah ihn an, intensiv, ja ich fixierte ihn. Damit hat er nicht rechnen können, ausgerechnet hier, am Mare Balticum, mit seinem Vorleben konfrontiert zu werden.
Er hatte an unserem Vierertisch die Schmidt-Lektüre eingeführt. Auch der Jurist, der außer der Zeitung und seinen Kompendien kaum etwas las, hatte sich »Kühe in Halbtrauer« geliehen. Falkner und ich hatten das Buch gekauft, natürlich Hardcover.
Und der Streit zwischen Falkner und ihm, dem Mathematicus, darum sein Spitzname Euler, über die Bedeutung von Arno Schmidt war der Cantus firmus in den Tischgesprächen, die sonst über Gott und die Welt gingen, Hochpolitisches und ganz Alltägliches.“

Schnell gelesen schnell vergessen. Müsste der Schriftsteller nicht in schneller Folge Bücher veröffentlichen, könnte man die vielen Episoden des Erlebens in einem größeren Werk bündeln, der Faden würde sich finden lassen. Aber für das Alterswerk ist es noch zu früh.

2011         135 Seiten

Leseprobe des KiWi-Verlags
(auch als pdf – mit dem roten Käfer-Cabrio-Cover)

 Lesung und Gespräch mit Uwe Timm (BR2-radioTexte)  30 Minuten

3-


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