Nachrichten vom Höllenhund


Bakker
24. Mai 2012, 16:01
Filed under: - Belletristik | Schlagwörter:

Gerbrand Bakker: Der Umweg

Emilie – vielleicht heißt sie so – mietet sich ein Haus im ländlichen Wales. Sie bringt nicht viel mit, sie braucht nicht viel. Die Gänse, die zum Haus gehören, werden immer weniger. Der Fuchs? Auch andere Tiere leben in der Nachbarschaft: zottelige Kühe, schwarze Schafe, Dachse. Einer davon beißt sie ins Bein.

Von den Menschen hält sie sich fern. Notgedrungen geht sie zum Arzt, zum Bäcker, zum Haareschneiden, andere Annäherungen machen sie misstrauisch, vor allem der Nachbar Rhys Jones, dem die Schafe gehören. Tiere sind problemloser als Menschen, fast menschlich. Emiliy versucht sich ins Haus einzuleben, es gelingt nicht recht. Auch auf den wenigen Erkundungen der Umgebung verliert sie sich. Vielleicht ist sie krank? Weshalb raucht sie so viel? Sie übersetzt Gedichte von Emily Dickinson. Emiliy?

Später, als sie sich angezogen und im Kamin Feuer gemacht hatte, suchte sie im Zimmer nach Spuren. Hatte sich der klei­ne Bücherstapel auf dem Couchtisch irgendwie verändert, hatte er vielleicht etwas auf die leeren Blätter geschrieben, die neben dem offenen Gedichtband auf dem Tisch lagen? Sie wußte nicht mehr, ob sie selbst zuletzt diese Seiten aufgeschla­gen hatte. A COUNTRYBURIAL. Wenn, dachte sie, wenn er genau hier aufgehört hat zu blättern und zu lesen, dann …
Sie setzte sich, starrte aus dem Fenster, wußte nicht, was nach dem »dann« kommen sollte. Das Meer war wieder einmal zu sehen, über den Wipfeln der jetzt kahlen Bäume. Aber weit, sehr weit entfernt. Eine Erinnerung, auch undeutlich und entfernt, ließ sie aufstehen und einen bisher ungeöffneten Bücherkarton durchsuchen. Sie hätte schwören können, daß Habeggers Biographie in ihrem Büro in Amsterdam stand, aber das Buch war im Karton. Noch einmal setzte sie sich an den Schreibtisch, schlug es auf und blätterte es rasch mit dem Daumen durch. Auf Seite 249 – hier blieb der Band wie von selbst offen – war etwas dick rot unterstrichen: since nothing is as real as »thought and passion«, our essential human truth is expressed by our fantasies, not our acts. Es ging um ein Buch, das Dickinson mit einundzwanzig gelesen hatte und das an­geblich von entscheidender Bedeutung für ihr Leben gewesen war, wie dieser Hustenanfall eines Großonkels zweiten Grades und allerlei andere Bagatellen. Ein halber Satz in einer viel zu dicken Biographie voller Spekulationen und läppischer Thesen. Dieser Habegger war ein altes Waschweib, trotzdem schrieb sie, bevor sie sein Buch zuklappte, diesen Satz un­ten auf die beiden Seiten des Gedichtbands, die aufgeschla­gen waren, ein wenig ängstlich, mit einem leeren Gefühl im Bauch. Nicht nur diese Leere empfand sie, auch Schmerzen, die heute höher als sonst zu sitzen schienen, im Hals, im Hin­terkopf. Sie ging ins Badezimmer und schluckte zwei Parace­tamol. Sie mußte dringend zum Arzt, viel länger hielt sie es so nicht mehr aus. Sie fragte sich, ob sie es würde tun können. Bis gestern war sie sich fast sicher gewesen.

Gerbrand Bakker ist ein Meister des langsamen Erzählens und darin der Genügsamkeit seiner Figuren ähnlich. Die Spannung entwickelt sich in den Unsicherheiten der Annäherung: an die Umgebung, ans Haus, an andere Personen, vor allem aber an sich selbst. Es knistert, Bakker braucht dafür nicht viele Worte, große schon gar nicht. Wer diese Emilie ist, erfährt man nicht, lange nicht. Woher sie kommt, weshalb die Holländerin nach Wales kam. Es gibt einige eingestreute Kapitel, in denen sich ihre Eltern und ihr Mann unterhalten. Bakker klärt aber keine Zusammenhänge. Der Mann macht sich, begleitet von einem Polizisten, auf nach Wales. Was wird er dort finden? „Gerbrand Bakker ist ein geradezu diabolisch guter Erzähler. Hinter seiner vermeintlich schmucklosen Mitteilungsprosa verbirgt sich eine Parallelwelt aus verdrängten Obsessionen, Ängsten und Aggressionen.“ (Christoph Schröder, SZ)

Eines Tages, der Roman nennt November und Dezember als Jahreszeit, kommt ein junger Mann, 20 vielleicht, an ihrem Haus vorbei. Er will Wanderwege auskundschaften. Bradwen  hat seinen Hund Sam dabei, beide bleiben länger als gedacht, länger, als es gut ist, die Frau, Emily, weist ihn nicht ab. Auch Bradwen gibt nichts über sich preis. Kam er absichtlich zu ihr, wer ist er, was hat er vor? Ist sein Weg auch ein Umweg, wie der Emilys, wie der ihres Mannes, wie der aller Menschen?

Es geschieht nicht viel im „Umweg“. Das ländliche Wales ist kein schnelles Land, nur wer Nuancen registriert, sieht die Auswege oder stellt fest, dass es keine gibt. Auch Navis weisen nicht in die Gewissheit.

2010          230 Seiten

1-2

 

Auch Gerbrand Bakkers Roman „Oben ist es still“ hat die leisen Helden, die abseits wohnen, die sich nicht aus ihrem Haus und ihrer Haut trauen. Die Angst haben vor der Gewissheit, vor der Liebe, vor dem Menschen. Bakker kann das gut andeuten, es könnte aber auch zur Erzählschablone führen.


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