Nachrichten vom Höllenhund


Honigmann
1. Juli 2012, 10:48
Filed under: - Belletristik | Schlagwörter: ,

Barbara Honigmann:
Ein Kapitel aus meinem Leben

Barbara Honigmann erzählt von ihrer Mutter. Sie sucht ihre Mutter im Erzählen, prüft, was sie von ihrer Mutter weiß, was diese ihr erzählt hat, ob die Erinnerungen stimmen. Es entsteht eine doppelt reflektierte Biografie über das Kapitel aus dem Leben der Mutter. So nennt die Mutter ihre Ehe mit dem britischen Spion Kim Philby, doch gerade darüber gibt die Mutter am wenigsten preis. Sei es, weil sie es verdrängen will, sei es, weil sie es nicht für das entscheidendste hält. Der Vater der Erzählerin nennt sie „verschwiegenheitssüchtig, dabei äußerst konversations­gelenkig”. Überhaupt entzieht sich die Mutter der gesicherten Identität, will sich nicht auf eine Haarfarbe festlegen und nicht auf den einen Ehemann, nicht auf einen gültigen Vornamen und auch die Familiennamen wechseln. Vielleicht auch, weil ihre Lebensgeschichte so intensiv mit der Zeitgeschichte verknüpft ist. Sie stammt aus Ungarn, wird als Jüdin durch Europa getrieben, England und Paris sind wichtige Stationen, auch wichtige Orte der Erinnerung. Nach der Zeit im deutsch-demokratischen Karlshorst bei Berlin beschließt sie, ihr Alter in Wien zu erleben. Die Mutter ist eine Frau der Gesellschaft, offen für Kontakte, politisch engagiert in vielen kommunistischen Zirkeln und Parteien.

Männer sind mehrfach vertreten. Der Vater der Erzählerin kommt zu Besuch und Gedankenaustausch, der aktuelle Partner der Mutter ist Ersatz und bald auch entsorgt, an frühere Männer gibt es verschieden genaue Erinnerungen. Die Mutter braucht ihre Unabhängigkeit.

Barbara Honigmann nähert sich dieser Biografie mit Neugier und ohne Vorurteile. Sie setzt Erzählungen der Mutter zusammen mit „Bruchstücken“, stellt ihre Mutmaßungen und Zweifel daneben und erzählt so ein Schicksal aus dem Europa der Kriege und Nationalismen. Sie “erfindet die Mutter neu, als Legende, »kurz hinter der Wahrheit und dicht neben der Lüge«, „die hohe Kunst, ’so nah wie möglich an der Wahrheit‘ zu lügen„. Eine geheimnisvoll schillernde Erzählhaltung, ein letzter, wie immer vergeblicher Lie­besdienst an der Mutter, für die Verrat eine Variante der Liebe war.” (Klappentext)

Nach ihrem Tod gewinnt das Kind einen freieren Blick auf die Eltern, weil dieser Blick nicht mehr von de­ren Größe oder Kleinheit verstellt ist, und dieser Per­spektivwechsel bringt eine Art Umordnung mit sich, aber keine Offenbarung. Auch nach ihrem Tod ist meineMutter so unverständlich und widersprüchlich für mich geblieben, wie es mein Vater so oft beklagt hat.
Sollte ich jetzt Revanche nehmen, ihr nachspionieren, nachforschen, Akten einsehen, Standesämter in halb Europa aufsuchen, Leute befragen, die Bruchstücke ihres Lebens aufklauben und zusammensetzen, die sie doch offensichtlich selbst zersplittert hat, halb, weil es ihr Wille war, und halb, weil es so gekommen ist, wie es eben ge­kommen ist.

„Der zweite Grund für den Zauber von Honigmanns Prosa ist nämlich die Sprache selbst. Es ist eine unerhörte Sprache, die so wirkt, als sei sie nicht geschrieben, sondern gesprochen, obwohl sie außerhalb von Honigmanns Büchern nirgendwo mehr zu hören ist: Ein lebendiges, unaufdringlich hervorquellendes Parlieren im entspannten, umgänglichen Plauderton, aus dem noch ein leises Berlinern herauszuhören ist, ganz unberührt von jeder Abnutzung durch den formlosen und saloppen Alltagsjargon, welcher das Gros der Gegenwartsliteratur regiert.“ (Volker Breidecker, SZ)

2004           170 Seiten (Tabu)


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