Nachrichten vom Höllenhund


Bizot
3. März 2013, 19:14
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Véronique Bizot: Meine Krönung

bizotkroenungIch werde mich an den Gedanken gewöhnen müssen, auszugehen. Die Leute, die neulich hier waren, haben darauf bestanden, nachdem sie festgestellt hatten, dass ich mich noch auf den Beinen halte. Ein Emp­fang ist geplant, in einem Palast oder einem Palasthotel, das habe ich nicht ganz mitbekommen, auch nicht das Datum dieses Empfangs. Es wird Trink­sprüche, ein paar Reden und Champagner geben, man kennt das ja. Selten Champagner allerdings in einem Physikerleben. Ich mag übrigens keinen Champagner. Meine erste Frau hat mir das bitter vorgeworfen, aber ich lege keinen Wert darauf, meine erste Frau zu erwähnen, die ich übrigens fast ver­gessen habe, wie auch die Zeit meiner Ehe, von der ich nur noch Einzelheiten in Erinnerung habe. Offenbar interessieren mich heute nur noch Einzel­heiten, offenbar hat mich der Sinn fürs Ganze ver­lassen, auf jeden Fall muss ich mir mit dem behelfen, was da kommt, und viel kommt da nicht mehr, oder ich erwarte nicht mehr viel. Aber dass ich nichts erwarte, heißt nicht, dass ich gar nicht warten würde, das habe ich irgendwann begriffen. Die Aussicht auf einen Empfang zu meinen Ehren macht mich aller­ dings nervös, ich ertappe mich bei dem Gedanken, vor dem geplanten Empfang zu sterben, wobei es gar nicht so einfach ist zu sterben, was ich auch irgend­wann begriffen habe. Ich war schon lange nicht mehr irgendwohin eingeladen. Von der letzten Einladung, der ich gefolgt bin, habe ich nur noch in Erinnerung, dass die Wohnung von einem Ende bis zum anderen mit rotem Stoff bespannt war und dass man uns, als wir in diesem roten Esszimmer Platz genommen hat­ten, eine Fischsuppe servierte und ich mir sagte, sieh an, eine Fischsuppe, eine Fischsuppe, natürlich, was kann man anderes von diesen Leuten erwarten, die mich eingeladen haben.

Gilbert Kaplan hat die Achtzig hinter sich und jetzt soll er für eine Erfindung geehrt werden, die er in seiner frühen Zeit als Physiker gemacht hat und an die er sich nicht mehr erinnern kann. Eine unerhörte Begebenheit, die sein Leben aus der Bahn zu werfen droht. Kaplan will sich wehren. Seine Gedanken schweifen, sie treffen aber nur noch sehr Naheliegendes, Teile seiner Wohnung etwa, wenige Augenblicke draußen, auch Kleidung und Nahrung sind ihm eher unwichtig geworden. Manchmal denkt er noch an seine Brüder oder Schwestern, kann aber auch mit ihrem Leben wenig anfangen. Nahe steht ihm nur noch seine Haushälterin, Madame Ambrunaz, nicht ganz so alt wie er, natürlich in der gebotenen Distanz. Er weigert sich, nach China zu reisen, er weigert sich sogar, mit Madame Ambrunaz ans Meer zu fahren, gewisermaßen um ein bisschen für den großen Auftritt zu üben.

Véronique Bizot skizziert das mit leisem Humor, bzw. sie lässt, was natürlich geschickter ist, Monsieur Kaplan selbst erzählen. Man kann ein bisschen mitfühlen mit seiner Vergesslichkeit und auch ein bisschen darüber Schmunzeln. Und so können auch die Gedanken besser schweifen, denn Kaplan ist selbst dafür verantwortlich. Oder eben nicht mehr. Die Sätze werden lang, finden kein Ende, aber das passt so. Es ist keine große Geschichte, eher ein Novelle, eine Übung.

2010       127 Seiten

 Véronique Bizot: Eine Zukunft

bizotzukunftIn “Eine Zukunft” treibt VéroniqueBizot ihren Erzählstil noch ein bisschen weiter. Die Sätze werden noch länger. Nicht ganz so endlos geschleift wie bei Thomas Bernhard, aber man kann schon ein bisschen an ihn denken. Auch die Handlung ist noch weniger strukturiert als bei “Meine Krönung”. Paul soll sich um das Haus seines Bruders Odd kümmern, er macht sich auf ins französische Gebirge, wird immer wieder mit Odd verwechselt, ist mit seiner Aufgabe überfordert und schafft es auch nicht recht, Klarheit in die Familienverhältnisse zu bringen. Wie ist das nun mit den Brüdern und Schwestern. Paul kommen Erinnerungen an seine Hochzeit, die sie recht stillos in einer Bäckerei “feiern”, wo sie mit Plastikbesteck Würste im Teigmantel essen, an eine Reise in den Dschungel Malaysias, die er fast nicht überlebt hätte. Er möchte endlich „einen Gedanken (…) haben, der diese Bezeichnung verdient, keine Meinung, erst recht keine Überzeugung, einfach nur einen Gedanken, etwas wie einen kräftigen Faden, der irgendwohin führt„.

Es ist nicht ganz leicht, Ordnung und Sinn in die Geschichte zu bringen. Sie lebt auch mehr von Assoziationen als von einer durchgängigen Handlung, erschließt sich in Andeutungen und Weglassungen, hat aber doch ein Ende.

2011       144 Seiten

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