Nachrichten vom Höllenhund


Bakker
6. April 2013, 17:28
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Gerbrand Bakker: Juni

Wie lang so ein Sommertag doch sein kann.

bakkerjuniIm Jahr 1969 war Königin Juliana zu Besuch im kleinen Ort in Nord-Holland, der Heimat auch Gerbrand Bakkers (geb. 1962). Bakker erzählt den Besuch der Königin aus deren Sicht, eine Pflichtreise, die aber im Dorf Spuren hinterlassen hat. Die Kinder von Zeeger und Anna Kaan kommen beim Königinnenbesuch zu kurz, Jan und Johan werden von anderen Kindern weggeschoben, Klaas ist beim Schwimmen, die zweijährige Hanne wird am gleichen Tag von einem Auto überfahren. Die ganze Familie tut sich schwer mit der Aufarbeitung dieses Schicksalsschlags. Die Königin ist dafür nicht verantwortlich – zu machen, vielleicht hat man selbst zu wenig aufgepasst, war zu abgelenkt. Man hat nicht die Worte, um über die Schwierigkeiten des Lebens zu reden, so schweigt man, redet aneinander vorbei, tabuisiert das, was man nicht verstehen kann, das, was geschehen ist, lässt sich aber so nicht aus der Welt schaffen.

Bakker erzählt hauptsächlich von einem Sommertag im “Juni”. Jan ist heimgekommen, um den Grabstein Hannes aufzufrischen, Johan kommt dazu, er ist seit Jugendtagen behindert, Großvater Zeeger schleicht ums Haus, fällt unmotiviert drei Kastanienbäume, Gr0ßmutter anna hat sich mit einer Flasche Eierlikör auf das Stroh im Dachboden zurückgezogen und weigert sich herunterzukommen. Klaas’ fünfjährige Tochter Dieke versteht noch zu wenig, sie kann Fragen stellen, weiß aber nicht, welche die richtigen wären. Es ist heiß.

Mehr wird von ihm nicht erwartet, zusammengefal­tet oder gebügelt hat er die Wäsche noch nie. Does ist ihm wie ein Schatten gefolgt und streckt sich seufzend unterm Küchentisch aus. Zeeger schaut auf die Uhr. Halb eins. Wie lang so ein Sommertag doch sein kann. Klaas ist wieder da, sein Wagen, die schmutzige Klapperkiste, steht neben der Scheune. Wahrscheinlich ist sein Ältester auf dem Friedhof gewesen. Er stellt sich vor die verglaste Schiebewand und starrt in den Garten, in dem es mit den Jahren immer voller geworden ist. So viele Pflanzen blühen jetzt, und es gibt keine Staude, die nicht gut zu ihren Nachbarn passen wür­de. Trotzdem ist der Garten an einem Tag wie heute kein besonders fröhlicher Anblick. Er würde gern den Sprinkler anstellen, tut es aber nicht, er möchte keinen verbrannten Rasen. Die großen Blätter der Osterluzei sind matt und staubig. Jetzt schon, und es ist noch nicht einmal Juli. Er geht zum anderen Ende des Zimmers und schaut in den Vorgarten. Anna hat recht, sogar im Frühsommer ist es hier dunkel. Schon morgens kommt keine Sonne mehr durch. Aus irgendeinem Grund fällt es ihm schwer, etwas umzu­hauen, was er selbst gepflanzt hat. Nicht nur Anna klagt, auch Klaas spricht davon, aber auf Klaas hört er nun ganz bestimmt nicht. Der sollte sich lieber um den Garten drü­ben kümmern, alles läßt er verkommen, es ist ihm schon zuviel, im Frühjahr mal ein Veilchen oder eine Tagetes in den Wassertrog neben der Hintertür zu pflanzen.

Was wichtig ist, deutet Bakker nur an, aber man weiß es früh genug: Dass mit Hannes Tod Unordnung in die Familie gekommen ist, dass Jan schwul ist. Bakker lässt den Leser den Junitag miterleben, das Lesen dauert fast noch länger als das Geschehen, eigentlich geschieht fast nichts. “Wie lang so ein Sommertag doch sein kann.” Es ist beschwerlich, sich auf die bedrückende Stimmung zu konzentieren, auf die Sprachlosigkeiten; Spannung stellt sich nicht ein, weil alles ja schon verraten ist. Ich sehe in der Rede der Personen keine “Lakonie” – wie viele Rezensenten -, denn die Personen würden ja anders reden, wenn sie könnten. Auch einen “Sog” in den Roman kann ich nicht verspüren, dafür hat Gerbrand Bakker letztlich doch zu wenig zu erzählen. Der Roman wirkt – wie auch die anderen Romane Bakkers, dort lohnt sich aber der Aufwand – konstruiert. Das ist nichts Schlechtes, doch bleibt der Tag im “Juni” doch zu sehr Stimmungsbild. Natürlich leben in Nord-Holland auch Tiere.

Zeeger schaut zu den Küchenfenstern des Bauernhofs hinüber. Klaas‘ Frau steht an einem Fenster, ein Geschirrtuch in der Hand. Hat er sie heute nicht schon einmal so gesehen? Die alte Warzenente kommt aus den Seitentüren der Scheune. Als der Erpel den Hof halb überquert hat, fliegt er auf. Das erstaunt Zeeger, er hätte nicht gedacht, daß der noch fliegen kann. Der Vogel landet unbeholfen im Graben, nah bei Does. Der Hund blickt endlich auf und bellt. »Eh!« ruft Johan. »Ihr verja-agt die Fische!« Jan zieht seine Angel ein. Er pult den Wurm vom Haken und wickelt die Schnur auf eine Spule.
»Du hast genug?« fragt Zeeger.
»Ich will nach Hause.«
»Nach Hause?« fragt Klaas. »Da hast du doch …« »Halt die Klappe.«
Does bellt noch einmal. Die Warzenente schwimmt im Kreis und faucht. Das hat nichts zu bedeuten. Zeeger hat einmal erlebt, wie Does lang ausgestreckt auf dem Hof lag und der Erpel ihn anbalzte. Wahrscheinlich hält Does die Ente für einen Hund und die Ente Does für eine Ente. Dirk stößt wieder mit dem Kopf gegen die Stäbe der Stierbox. »Ich will nach Hause«, sagt sein Zweitältester noch einmal. Er wirft Klaas einen kurzen Blick zu und reibt sich über die Stirn, über die Schwellung, deren Entstehen Zeeger früh am Morgen beobachtet hat. Jan läuft immer noch in kurzer Hose und T-Shirt herum.
»Jetzt hab ich a-auch keine Lust mehr«, verkündet Johan. »Dann hab ich gewonnen!« ruft Dieke.
Jan geht in die Stallscheune und kommt nach einiger Zeit mit dem grünen Eimer wieder heraus. Er war länger in der Scheune als nötig. Auf dem Rückweg kramt er im Eimer und nimmt etwas heraus. Einen Umschlag?

2010       300 Seiten

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