Nachrichten vom Höllenhund


Dantons Tod
30. November 2013, 16:33
Filed under: Theater

Georg Büchner: Dantons Tod
Inszenierung: Johan Simons

Friedlich geht es zu bei der Revolution an den Kammerspielen. Das Volk, die Massen werden nicht hereingelassen, die Aufrührer und Anführer nehmen sich Zeit für einen kontrollierten Disput. Man müsste meinen, dass sie sich an- und überschreien, sich ins Wort fallen, leidenschaftlich agieren, doch sie stehen auf vom großen Tisch und melden sich damit zu Wort, sie lassen sich ausreden und hören sich zu und lauschen den Grisetten, streicheln den Hund.

danton6Der lange Tisch ist Bezug stiftendes Symbol für den letzten Abend Dantons. Johan Simons lässt ihn allerdings längs in die Bühne stellen. Die Akteure müssen aufstehen, sich auf den Stuhl stellen oder nach vorne treten, um sich in Szene und ins politische und historische Recht zu setzen. Niemand verlässt den einzigen Schauplatz, jeder muss sich der verzweifelten Lage stellen, auf der Bühne ist vom Volk nur die Rede, man setzt sich dafür ein, auf je eigene Art.

Es wird geredet, nicht gespielt. Die Kontrahenten tauschen ihre Argumente aus, jeder von sich überzeugt, jeder im Wissen, dass er nur gewinnen kann, wenn der andere verliert. Atmosphärisch ist das hoch konzentriert, stets abwartend und sich belauernd. Diese Atmosphäre überträgt sich auch aufs Publikum, das bis zum Schluss konzentriert bleibt; es gibt keine Ablenkungen von den theoretischen Auseinandersetzungen (außer den Hund). Kontrolle behalten müssen sie auch in ihren Leiden. Robespierre (Wolfgang Pregler) scheint das nicht schwerzufallen, Danton (Pierre Bokma) darf sich einen kurzen – etwas unerwarteten – Gefühlsausbruch erlauben, als er weiß, dass er ohne Aufschub sterben wird.

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Robespierre und Danton unterscheiden sich nicht darin, ob die Revolution gerechtfertigt ist. Robespierre will die Revolution bis zu ihrem Ende führen, das erst dann erreicht sein kann, wenn ein Zurück zu den alten Zuständen, zum Ancien Régime nicht mehr möglich ist, wenn alle Kontrarevolutionäre beseitigt sind. Danton plädiert dafür, die Revolution zu beenden, da die Republik durchgesetzt ist. Er setzt Freiheit und auch die Freiheit zum Genuss an die Spitze der Forderungen – man wirft ihm Egoismus vor -, Robespierre predigt die absolute Tugend und fordert sie auch von sich selbst ein. Der Konflikt zieht sich durch die Geschichte der Revolutionen. Heute in Deutschland wird er immer noch ausgetragen, wenn auch als Farce. Freiheit vs. Veggie-Day, darf man Tugend vorschreiben? Johan Simons aktualisiert aber nicht, obwohl er aktuelle Texte einschiebt.

Danton muss sterben, Robespierre wenig später auch. Revolutionäre haben keine Skrupel. Am Schluss pustet Robespierre die Kerzen aus, Wolfgang Pregler tritt an die Rampe und spricht, während er sich auszieht, die Schlussworte. Sie stammen nicht von Büchner, sondern von Michel Houellebecq: Es bleibt der Mensch, aber auch der geht von der Bühne ab, „jene gequälte, widersprüchliche, individualistische, streitsüchtige Spezies mit grenzenlosem Egoismus, die manchmal zu Ausbrüchen unerhörter Gewalt fähig war, aber nie aufgehört hat, an die Güte und an die Liebe zu glauben. Und auch jene Spezies, die es zum ersten Mal in der Geschichte der Welt verstanden hat, die Möglichkeit ihres eigenen Überwindens zu erwägen; und die es einige Jahre später verstanden hat, dieses Überwinden in die Tat umzusetzen“.

danton4Neben dem eitlen Danton, der sich ständig durch die Haare fährt, und Robespierre, der sich für seine Schlussworte entblößt, treten die anderen Revolutionäre etwas in den Hintergrund. Kristof Van Boven (Camille) und Stephan Bissmeier (Lacroix) als Vertraute Dantons, auch die „formidable, mit tödlicher Ruhe und Präzision sprechende“ Annette Paulmann als St. Just (Christine Dössel, SZ) . Sie darf/muss auch die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ vortragen, auch eine Textergänzung, die – seltsam im Jahr 2013 – zu Zwischenapplaus motiviert. Auch die Bedeutung der Frauen wird erläutert (Anna Drexler als Julie), Benny Claessens erklärt die Guillotine als demokratisches Instrument der Aufklärung. Mehr als Büchner, aber sinnvoll integriert, auch hier muss man mitdenken.

Hinten am Tisch sitzt die Musik und zupft und bläst den Soundtrack zur Abwicklung der Revolution, die Stimmung wird hörbar gemacht. Die „Grisetten“ wagen sich vor, Marion (Sandra Hüller) erzählt Danton die Geschichte ihres Vergnügens: „Wer am meisten genießt, betet am meisten.“ dantonhundDanton: Ich möchte „mich auf jeder Welle deines schönen Leibes (…) brechen“. Der Hund von Annette Paulmann streicht um die Szenerie, vielleicht als Synthese. Das Programmheft dankt „für die Entwicklung und technische Umsetzung der Wolke“, die orangepurpurn an der Decke dräut.

Ein anstrengender, aber lohnender Theaterabend.

Münchner Kammerspiele – Aufführung am 22. November 2013


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