Nachrichten vom Höllenhund


Hofmann
29. Januar 2014, 17:22
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Gert Hofmann: Veilchenfeld

veilchenfeld

UNSER PHILOSOPH IST PLÖTZLICH GESTORBEN, unser Leichenwagen hat ihn abgeholt. Lautlos, nämlich auf Gummirädern, sind die Leichenkutscher – keiner weiß, wer sie kommen ließ – am Montagmorgen bei ihm vorgefahren und von ihrem Bock gesprungen, wir haben es selbst gesehen. Wir lehnen an Höhlers Gartenzaun und machen uns nicht schmutzig. Die Leichenkutscher ziehen unter einem merkwürdig scharrenden Geräusch, das die Heidenstraße hinabläuft, den für Herrn Veilchenfeld vorgesehenen Sarg aus ihrem großrädrigen, feierlichen und klapprigen Leichenwagen und verschwinden, nachdem sie ihr mit einem Federbusch verziertes Pferdchen beiläufig am Hals beklopft haben. Sie werden Herrn Veilchenfeld doch nicht holen wollen? Doch, sie holen Herrn Veilchenfeld! Den ich noch gestern bei mittlerem Wetter so abends gegen acht in seinem Hintergarten gesehen habe, wie er, bleich, doch überzeugend in einem Fliederbusch stand. Hinter, nicht vor seiner Gartenmauer, die unten Risse hat zum Durchschauen für uns. Denn obwohl in unserer Stadt bekannt war, daß Herr Veilchenfeld nach seiner Entlassung zu uns herausgezogen war und nun ohne Anhang (die Mutter) in der Heidenstraße in dem Haus mit dem Erker wohnte, war er in letzter Zeit immer seltener zu sehen gewesen.

Wohnt er überhaupt noch hier, fragen wir den Vater.
Ja, sagt der Vater, er ist oben.
Und was macht er?
Er sitzt an seinem Tisch.
Und warum kommt er nicht runter?

WEIL ICH MICH unter meinen Büchern sicherer fühle als unter meinen Landsleuten, sagte Herr Veil­chenfeld immer zur Mutter und lächelte unter der Krempe seines schwarzen Hutes über das schmale, von ihm mit kurzen Schritten immer wieder um­gangene Gartenstück zu ihr auf die Straße hinaus.

Bernhard Veilchenfeld beschreibt sich selbst als “älterer, akademisch gebildeter Herr, Professor in außergewöhnlichen Verhält­nissen, aber sehr ruhig”, dass er Jude ist, arf er nicht auf den Zettel schreiben, mit dem er eine “Haushilfe” sucht, denn die Geschichte spielt 1938. Herr Veilchenfeld, in der Erzählung wird er immer nur “Herr Veilchenfeld” genannt, verschwindet allmählich aus der Stadt, der Straße, seinem Haus, seinem Leben. Er will sich unsichtbar machen, verschwinden, auch körperlich. Er will den Anfeindungen, Übergriffen, Redereien der geschwätzigen Erwachsenen entgehen.

Und dann, mein Gott, sein Gang!
Den er sich in seinem Hintergarten zugelegt haben muß, weil er da keinen Auslauf hat, sondern immer nur um die Bohnenstangen herumkriecht, das hat seinen Gang so verhunzt, hat die Mutter einmal über den Gang von Herrn Veilchenfeld gesagt. Der aus lauter Angst, Unwillen zu erregen – er weiß nie genau, wie weit er gehen darf – seit einiger Zeit etwas Schleichendes und Verstohlenes und, wenn er keinen Hut aufhat, Verbrecherisches an sich hat, das die Leute ja mißtrauisch machen muß, sagt sie. Und jeder sich fragt, was jemand mit so einem Gang bei uns zu suchen hat.

 Veilchenfeld wird dabei immer einsamer. “Frau Abfalter (…) nannte ihn – alles durch die Tür – erst »Professor«, dann »Veilchen« und schließlich »He«.“ Nur noch der Arzt kommt hin und wieder zu ihm, hält notdürftig Kontakt, weiß wenig, aber mehr als die anderen von ihm. Er darf nichts erzählen, er läuft mit.

Ein Schicksal eines Juden zur Nazizeit. Einen Ausweg gibt es nicht. Als veilchenfeld im Amt um ein Visum zur Ausreise aus Deutschland ersucht, wird er verhöhnt, sein Pass wird zerrissen.

Da hätten auch die beiden Herren mitleidig ge­lächelt und sich rechts und links von Herrn Thie­le aufgestellt. Dann ist Herr Thiele offiziell ge­worden und hat den Paß von Herrn Veilchenfeld vor sich auf den Schreibtisch gelegt und die Hän­de darüber gefaltet und in einem Ton, als würde er etwas aufsagen, ungefähr gesagt: Herr Profes­sor Bernhard Israel Veilchenfeld, kraft der mir verliehenen Befugnisse entziehe ich Ihnen hier­mit die Staatsangehörigkeit eines Deutschen und stoße Sie für immer aus unserer Volksgemein­schaft aus. Und dann hat Herr Thiele, noch ehe Herr Veilchenfeld hat nicken können, vor den zwei Zeugen den Paß in zwei Teile gerissen und die Teile dann immer weiter zerrissen, und den Deckel, weil er zum Zerreißen zu fest gewesen ist, mit einer Papierschere durchgeschnitten, das ging leichter. Bis von dem Paß nur noch Schnipsel übrig waren, die Herr Thiele vor sich zu einem Häufchen aufgeschichtet hat. So, hat er ge­sagt.
Herr Thiele, Herr Thiele, hat Herr Veilchenfeld gesagt und den Kopf geschüttelt, erzählt Herr Lachmann dem Vater und der Mutter auf der Bank über uns, aber der Herr Thiele hat einfach weiter gerissen und geschnitten, bis der Paß nicht zum Wiedererkennen war. Dann hat einer der Herren aus dem Nebenzimmer: Sie erlauben, Herr Thiele!, gesagt und einen Papierkorb geholt und ihn Herrn Thiele hingehalten, und Herr Thiele hat die Paß­schnipsel behutsam in den Papierkorb geschoben. Dann hat Herr Veilchenfeld rasch noch ein Formu­lar in fünffacher Ausfertigung datieren und unter­schreiben müssen. Daß er zur Kenntnis genommen hat, daß er nun kein Deutscher mehr ist. Nein, hat Herr Veilchenfeld gefragt. Nein, hat Herr Thiele gesagt.

Und was bin ich nun, Herr Thiele, hat Herr Veil­chenfeld gefragt und die Feder hingelegt. Jedenfalls kein Deutscher mehr, hat Herr Thiele ge­sagt und seine flachen Hände vor sich hingelegt. Und was, Herr Thiele, macht man in so einem Fall, wenn man nach so vielen Jahren plötzlich kein Deutscher mehr ist, hat Herr Veilchenfeld gefragt. Sonst bin ich ja auch nichts.

Die Erzählung beginnt mit dem Tod Veilchenfelds.Der Leser weiß das und fragt sich, warum Veilchenfeld gestorben ist, plötzlich. Gert Hofmann lässt ein Kind erzählen. Der neunjährige “Hänsel” steht noch außerhalb der Gesellschaft der Erwachsenen, ist noch nicht gleichgeschaltet, darf noch naiv sein. Das Kind darf den Professor in seiner geheminmisvollen Wohnung noch besuchen, es sucht verwundert nach dem Schatten des Mannes am Fenster, es stellt Fragen, die niemand beantworten will, ja, am liebsten würde man sie gar nicht hören. Nur der Vater macht Andeutungen, der Vater ist der Arzt. Gert Hofmann übernimmt die Perspektive des Kindes und kann so die Schrecken ganz ruhig erzählen, ohne Pathos, ohne Appell. Die Schrecken werden dadurch noch größer, grausamer, absurder.

Dann gleitet der Sarg, von der Frau Abfalter geleitet, in den Hinterhof hinein. Solche Höfe gab es damals bei uns. Und scheint, weil er unseren Philosophen enthält, nicht nur schwerer (das wäre natürlich), sondern auch länger (das wäre übernatürlich) geworden zu sein. Kaum daß er um die Hausecke geht, obwohl auch die Frau Abfalter nun ein paar Gummifinger mit anlegt. Und wird unter den Augen der Nachbarn, die sich inzwischen alle ihre Kissen geholt und sich auf ihren Fenstersimsen eingerichtet haben und ihre Köpfe rücksichtslos in die Heidenstraße schieben, über den Hinterhof geschleppt. Und dann, jenseits des verrosteten Hoftors, in die Heidenstraße hinein. Doch können wir, von der Gartenmauer her, alles gut verfolgen. Der Sarg, wahrscheinlich mit Herrn Veilchenfelds Kopf, seiner Überwelt voran, wird in den Leichenwagen geschoben, dann wird eine Pause gemacht. Das Hoftor, der Himmel, die Leichenträger, alles macht eine Pause, alles atmet auf.

Komm, Gretel, sage ich, doch sie will nicht kom­men. Komm, sage ich und ziehe sie. Hand in Hand, im gleichen Schritt, ohne den Sarg zu überholen, aus dem Hinterhof hervor, meine Schwester vor Grauen starr, die Frau Abfalter streift die Gummihandschuhe ab, die Leichenkut­scher schließen das Hoftor, die Nachbarn weisen auf den Sarg, der unter einem rascher fließenden Himmel in dem nach oben weiträumigen, aber auch nach allen anderen Seiten bequemen Leichen­wagen, der wie unsere Läden in der Helenenstraße Glasvitrinen hat, damit man die Blumen und die Kränze und den Sarg auch sieht, aber Blumen und Kränze gibt es keine, so daß die Vitrinen zugehängt sind und wir den nun toten Herrn Veilchenfeld nicht mehr sehen können. Wenn er uns, von dem schwarzen Pferdchen gezogen, davonrollt, aus der Stadt hinaus.

Eindringlich.

1986       185 Seiten (Tabu)

Von Gert Hofmann sollte man auch lesen:
Die Rückkehr des verlorenen Jakob Michael Reinhold Lenz nach Riga


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