Nachrichten vom Höllenhund


Der jüngste Tag
20. März 2014, 17:02
Filed under: Theater

Ödön von Horváth: Der jüngste Tag
Inszenierung: Dominik von Gunten

Geschätzte 20 Schauspieler(innen) stehen auf der Bühne und warten auf den Applaus, von dem sie wissen, dass er höflich sein wird. Man geht die horvath_tag1Reihe durch und – meinerseel – keine(r) war gut. Man fragt sich, wie es möglich ist, dass niemand mehr als artigen Beifall verdient hat. Gut, ein paar hatten nur kleine Rollen „Ein Gast“ Günther Brenner, andere wirkten als Fehlbesetzungen, etwa Gunter Heun als Wirt zum „Wilden Mann“ – so kann keiner Wirt sein! – oder „Staatsanwalt“ Ernst Matthias Friedrich, der sachlich korrekt zu sein hatte, das aber mit schwer verständlicher Ungelenkigkeit verwechselte. Um nur zwei weitere zu nennen: Frerk Brockmeyer, in vielen Rollen präsent, duckte sich hier vor seiner Aufgabe als „Stationsvorsteher Hudetz“ weg und vor allem „Wirtstochter Anna“ Janina Schauer geisterte verwirrt und verloren auf der Bühne herum.

So  viele Darsteller können nicht zugleich schlecht sein. Also muss man die Ursachen des Debakels beim Stück oder bei der Inszenierung suchen. Beides lässt sich schwer trennen.

Horváth schrieb „Der jüngste Tag“ 1934-1936; es hätte mehr als genug Anknüpfungsstellen an Voraussetzungen und Verwerfungen des kleinbürgerlichen Lebens in der Nazi-Zeit gegeben. Er arbeitet aber keine Strukturen heraus, zeigt nicht, worauf er hinauswill. Keine psychischen oder sozialen Positionen, er verwischt und nivelliert sie auf individueller Ebene. Wenn jeder schuld ist, schuld sein könnte, ist keiner mehr schuld, keiner mehr greifbar, auch keine politische oder staatliche Instanz. Schuld und Sühne werden verschoben auf den „jüngsten Tag“, der heute ist und alle Tage und weiter führt in die religiöse Symbolik. Die Personen verschwinden in einer Geisterwelt: das Klagen ersetzt die Anklage.

Es ließe sich wohl ein Bezug herstellen zu Horváths Biografie:  Er verließ 1933 Deutschland, nachdem die SA die Villa seiner Eltern in Murnau durchsucht hatte. 1934 kehrte er noch einmal zurück und versuchte dem „Reichsverband deutscher Schriftsteller“ beizutreten, wurde aber 1934 endgültig aus Deutschland ausgewiesen. In dieser Zeit gesuchter Geborgenheit entstand „Der jüngste Tag“, doch ändert dieser Hintergrund nichts daran, dass das Stück schlecht ist, dass nur Versatzstücke Horváthscher Thematiken durchschimmern und sich in kaum nachvollziehbares Gewabere auflösen.

horvath_tag2It’s starting with a kiss. Wirtstochter Anna, von ihrem verlobten Schlachter wenig angetan, verpasst ihn dem Stationsvorstand Hudetz – auf offenem Bahnsteig. Hudetz’ Frau, eine Bisgurn, soll es sehen und sieht es, die Keifereien nehmen ihren Lauf, zufrieden ist eh niemand im kleinen Ort. Die Feindseligkeiten sind Fassade, niemand gönnt niemandem nichts. Nicht der Kuss aber löst die Katastrophe aus, aber er behindert den halb willigen Stationsvorstand, das Signal zu stellen: Zwei Züge stoßen zusammen, 18 Leute sterben. Die Zeugen sind tot oder nicht glaubwürdig, weil in ihre Intrigen verwickelt. Anna schwört einen Meineid zugunsten von Hudetz. Auch ihr sind privater Frust und diffuse Sehnsüchte näher als öffentliche und anerzogene Moral. Horváth  schafft es nicht, mehr als ein Gemenge von Schuld vorzuführen, die Sühne erlaubt er nicht vor dem ominösen jüngsten Tag. Der Stationsvorsteher und Anna stürzen vom Viadukt in eine Unterwelt.

Dominik von Gunten weiß mit dem Stück nichts anzufangen. Man könnte, müsste vielleicht heute noch mehr stilisieren, reduzieren, das Spiel als Spiel vorführen. Das Bühnenbild lässt in Teilen darauf schließen: das kahle, stählerne Viadukt, die serielle Apothekeneinrichtung. Dann aber sieht man das aufgemalte Bauernwirtshaus, die Kapelle spielt traditionell, nur leicht angeschrägt. Anna darf/soll ein wenig Dialekt anklingen lassen, die anderen bemühen sich um ein floskelhaftes Hochdeutsch. Das passt nicht zusammen, scheint beliebig eingesetzt, stellt das Kleinbürgerliche nicht aus. Ständig wird unmotiviert geschrieen, auch damit wird nichts erhellt oder erklärt, es ist kein Konzept erkennbar. Der Reigen der Schuldverstrickungen verplätschert sich ins unverständliche Sühnebekenntnis des „jüngsten Tages“. Janina Schauer verliert sich auf der fremden Bühne. Die Zuschauer applaudieren höflich.

Theater Regensburg – Aufführung am 15. März 2014

Wie man es machen könnte, zeigt Susanne Kennedy mit Marieluise Fleißers  „Fegefeuer in Ingolstadt“ an den Münchner Kammerspielen. Die Aufzeichnung ist  am 10. Mai 2014 bei 3SAT zu sehen.


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