Nachrichten vom Höllenhund


Woyzeck
2. November 2014, 17:38
Filed under: Theater

Georg Büchner: Woyzeck
Inszenierung: Katrin Plötner

Die vielen Seile, die auf die Bühne hängen, schauen schön aus. Man kann sie in verschiedenen Farben leuchten lassen, woyzeck01Regisseurin Katrin Plötner assoziiert sie mit Wald oder Regen. Regen sieht anders aus als Schnüre, Wald ist besser. Da kann man hinaufklettern, die Schnürlbäume stehen beim Laufen im Weg, der Steckerleswald gibt ein gutes Bild auch für das Feld, auf das sich Woyzeck mit seinem Kameraden Andres zurückzieht, um der feindlichen Welt von Hauptmann, Arzt, Tambourmajor für Momente zu entkommen. Stimmen hört er auch in der Natur.

Woyzeck ist der Loser, der Gehetzte. Ein Sprachloser, der doch so schöne Bilder findet für Seinesgleichen und ihre Stellung auf Erden und im Paradies. „Unsereins ist doch einmal unselig in der und der andern Welt. Ich glaub‘, wenn wir in Himmel kämen, so müßten wir donnern helfen.“ Woyzeck ist Büchner wichtig, weil er ein Mensch ist, kein Held. Hauptmann, Arzt und Tambourmajor sind Wichtigtuer, Masken des Zynismus. Einen wie Woyzeck brauchen sie für ihre Bespaßung, ihre Sottisen, ihre Überheblichkeit. Woyzeck, renn er nicht so, ess er seine Erbsen, piss er! „Kerl, soll ich dir die Zung aus dem Hals ziehn und sie um den Leib herumwickeln?“ Einem wie dem Tambourmajor hat Woyzeck nichts entgegenzusetzen, er hat keine Perspekive, würde man heute sagen. Woran er sein kleiner werdendes Leben ausrichtet, ist: Mwoyzeck02arie. Sie hat ein Kind mit Woyzeck, aber sie ist ein „Mensch“, „ein Weibsbild! Sapperment“, schmeichelt der Major, als er ihr die Ohrringlein dalässt und Marie fühlt sich „stolz vor allen Weibern!“ Das kann ihr Woyzeck nicht bieten, er hat weder Geld noch Zeit noch Saft und Kraft.

Georg Büchner skizziert das Drama Woyzecks in kurzen Szenen. Da brauchts keine Exposition und keine Umschweife. Ein modernes Stück – von 1837, ein Fragment, dramaturgisch scheinbar in Unordnung. Katrin Plötner ist kaum älter als Georg Büchner damals; sie müsste Büchner verstehen können, sie könnte mit Marie fühlen können, sie sollte das Drama ins Heute versetzen.

Es ist viel Bewegung auf der Bühne, Woyzeck darf ja auch nicht zur Ruhe kommen. Seilauf, seilab, durchs Geschnür – schade, dass auch die seltenen, aber wichtigen Momente des Inne-Werdens, die poetischen Weltdeutungen vom Rennen und klettern überlagert werden und ihre Wirkung verlieren. Auch Kamerad Andres müsste sein Unverständnis nicht herausschreien. Das Schreien entwertet auch die schrulligen Karikaturen von Arzt und Hauptmann. Michael Haake wirkt, auch als er sich an den Seilen in den ersten Stock erhebt, mehr wie Sascha Hehn auf dem Traumschiff denn als vertrottelter Quacksalber, als den ihn seine „fixen Ideen“ entlarven. An Gerhard Hermann beeindrucken nur seine angehängten Orden. (Immerhin spricht er deutlich, sagt Claudia Bockholt in der MZ) Die Figuren des Narren und der Käthe kommen so bei Büchner nicht vor. Katrin Plötner hat sie neu konzipiert, doch Jacob Keller in seinem Paillettenfummel und Franziska Sörensen als Burlesk-Tänzerin bleiben dem Stück fremd, sprechen oder schreien hre Texte, streuen Glitzerkonfetti, erhellen aber nichts. Verschenkt ist auch die Jahrmarktszene. Woyzeck muss nicht an die Kette, sondern indirekt, symbolisch als gebeutelte Kreatur vorgeführt werden.

Wenn man Werner Herzogs Film gesehen hat, denkt man beim Tambourmajor an den jungen Sepp Bierbichler. „Die Brust wie ein Rind und ein Bart wie ein Löw. So ist keiner!“ Robert Herrmanns muss sich das Testosteron erst einpumpen. (Kein Wunder, dass es ihn wieder verlässt, als er Marie einmal wirklich nahekommt!) Fahnenschwingen und Fingerschnippen – cool geht anders, geil auch. Wenn Marie mit dem Major tanzt und Woyzeck den letzten Stoß in seine Männlichkeit verpasst, fehlt die flirrende Sinnlichkeit, die alle Gemüter aufputscht. Aber vielleicht ereilen den jungen Zuschauer beim Lautsprechergebrummel andere Assoziationen. Claudia Bockholt fühlt die „wummernden Bässe ins Schambein fahren“.

Marie schiebt ihren Korbkinderwagen hin und her durchs Seilgeflecht. Auch sie muss schreien, wenn sie verzweifelt ist. Pina Kühr ist schon sinnlich, wahrscheinlich auch , lasziv und naiv“ (Bockholt), sie hält die Männer aber auf ordentliche Distanz. Bei den Gesprächen mit Woyzeck achtet sie auf den nötigen Zwischenraum, wobei sich viele Dialoge eher als Ansage an das Publikum richten als an den Adressaten. Gunnar Blume ist als Woyzeck „ein guter Mensch“. Nicht exaltiert, eher duldend, er„lässt mit schlichter Intensität in vwoyzeck04erstört aufflackernden Blicken die Not des von Wahnvorstellungen heimgesuchten Woyzeck spürbar werden“ (Petra Hallmayer, SZ) Dass ihm in einer blutigen Operationsszene seine Organe herausgenommen werden, ist eine einleuchtende Idee der Regie. Was aber stärker gespielt werden müsste, ist die sich steigernde Verstörung Woyzecks, die sich auch und gerade in der Sprache Woyzecks/Büchners äußert: „WOYZECK erstickt: Immer zu – immer zu ! – Fährt heftig auf und sinkt zurück auf die Bank: Immer zu, immer zu! – Schlägt die Hände ineinander: Dreht euch. wälzt euch! Warum bläst Gott nicht die Sonn aus, daß alles in Unzucht sich übereinanderwälzt, Mann und Weib, Mensch und Vieh?! Tut’s am hellen Tag, tut’s einem auf den Händen wie die Mücken ! – Weib! Das Weib is heiß, heiß! – Immer zu, immer zu ! – Fährt auf: Der Kerl, wie er an ihr herum greift, an ihrem Leib! Er, er hat sie – wie ich zu Anfang. – Er sinkt betäubt zusammen.“ – Da sollten die Lautsprecher nichts zudröhnen. Hier kippt Woyzecks Weltbild, hier ist er als Mann und Mensch am Ende, hier wird der Mordplan virulent.

woyzeck03Das ist junges, lebendiges, streitbares Theater.“ (Claudia Bockholt) Ich meine, dass in der burlesken Inszenierung vieles, was der Text stärker sagt, in den Seilen hängenblieb.

Theater Regensburg Aufführung am 30. November 2014

Fotos: Jochen Quast

Video Theater
Video TVA


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