Nachrichten vom Höllenhund


Zorn
19. November 2015, 13:52
Filed under: Theater

Joanna Murray Smith: Zorn (Fury)
Inszenierung: Jens Poth

Ausführlich zelebrieren Alice und Patrick Harper ihre heile häusliche Gemeinschaft, ihren Erfolg, ihre Gesittetheit. Ein gutes Paar, wohl arrondiert, bis hin zum behutsamen Tänzchen – zu Neil Young (!, incl. Knistern!). Alt-68-er, wilde Zeit, Drogen, dann Karriere, sie ausgezeichnete Ärztin, er, zorn1nicht ganz so erfolgreich als Kulturschaffender. Doch jede Idylle ist trügerisch.

Joe, der Sohn, vergeigt das Ansehen, das „Image“, die zur Schau gestellte Ordnung des Familienlebens. Joe hat, mit einem Kumpel, Hassparolen auf eine Moschee gesprayt. Was genau, wird nicht gesagt, aber Joe hat einen Zorn auf den Islam, dem er Missachtung der „westlichen“ Werte attestiert: Frauenrechte, Toleranz, Humanität. Die Motive sollten eigentlich von seinen liberalen Eltern gebilligt werden, aber man sprayt nicht nachts, auch nicht auf die Moschee. Bestraft werden soll Joe, aber wie: „Deine Strafe sind wir.“ Eine zentrale und entlarvende Aussage der Mutter, die aber nicht zur Erkenntnis gerinnt. Wie soll sich auch ein 16-Jähriger gegen so gute und für jede Kommunikation präparierte Eltern behaupten. „Weißt Du eigentlich, wie peinlich das für uns ist?“ Joe tanzt nicht den Neil Young, sondern den Pogo. Ansonsten ist Benno Schulz ein verständiger und sympathischer Junge, dessen Laufbahn nichts im Wege stehen wird.

„Zorn“ ist ein „Konversationsstück“, wie es in dieser Art zuerst Yasmina Reza geschrieben hat. Das familiäre „Gemetzel“ ist zum Genre geworden und diese Genre bedient auch Joanna Murray-Smith. Insofern ist manches bekannt und vieles absehbar. Waren es beim „Gott des Gemetzels“ die prügelnden Kinder, die den wohlbürgerlichen Erwachsenen den Schleier wegzogen, ist es hier die – eigentlich zu triviale – Sprayaktion. Es bedarf einer außenstehenden Person, die zum Katalysator der Entlarvung wird: Rebecca, die junge Journalistin, die mehr weiß, als man zunächst denken soll. Ist die Sprühattacke des Sohnes das erste unerhörte Ereignis, so taucht mit Rebeccas Befunden über Mutter Alice’s Jugend-„Sünden“ ein zweiter Wendepunkt auf, allerdings dramaturgisch recht spät in der Vorstellung. Die Zeit muss hingehalten werden.

zorn4Andine Pfrepper schleicht sich verführerisch oft mit wechselfarbiger Perücke (weshalb eigentlich?) ein, um Vater und Sohn einzuspinnen. Der Lehrer kommt ins Haus und berichtet von Joes Vergehen, Gunnar Blume darf im kleinkarierten Anzug ein wenig Amusement verbreiten: „Wenn du Einfühlung willst, dann nimm dir einen Therapeuten – wir sind Pädagogen.“ (Lacher, so viel zum Publikum, incl.ich) Die zorn2Knallcharge als Aufdecker; auch hier geht’s nur noch ums Image. Dramaturgisch ist die Rolle nebensächlich, trägt eher zur Verzettelung der Themen bei.

Wir brauchen natürlich noch das Kontrast-Ehepaar: die Prolls, Toyota-Arbeiter Bob und seine Annie, mühsam verkappte Rassisten: Wir haben nichts gegen Fremde, aber diese Fremden sind nicht von hier.“ (Methusalix) „Mein Wald ist mein Wald!“ Susanne Berckhemer und Frerk Bockmeyer, beide geblondet, als schrecklich nette Familie (incl. Tippelschritte). Sohn Trevor muss doch der Anstifter zum Hass gewesen sein! Die Harpers winden sich vor körperlichen Kontakten. (Übrigens: Die Harpers fahren auch Toyota, aber einenPrius!)

By the way: Ein schöner Einfall, die Personen mit der Drehbühne auf die Szene gleiten zu lassen: Spielfiguren. Die Bühne ist durchgehend recht ansehlich. Nüchtern, kein Nippes, bewahre!, Bücher, ein vorgetäuschter Plattenspieler mit echten Schallplatten, später auch die Blumendeko, dezente Backgroundfarben, die am Schluss kitschigem Purpur weichen. Es wird dramatisch! Der Streit verlagert sich in das gute Paar, Franziska Sörensen und Gerhard Hermann dürfen sich nicht mehr verstehen, anflehen, Sohn Joe ist fein raus, seine Tat rückt an den Rand, jetzt geht’s der Mutter an den Kragen. zorn3Joe kann sich mit seiner Mutter versöhnen. Die Geschichte des „Zorns“ wird historisch eingeordnet, „The Fury“, das ist ein Thema auch der Alten. „Wenn mir etwas im Weg stand, war Zorn mein Antrieb“, sagt Alice. Aber das waren andere Zeiten. Waren das andere Zeiten?

Zorn stellt „grundsätzliche Fragen nach der Rechtfertigung von Gewalttaten, die in moralischer Empörung motiviert sind“. (Verlagsankündigung) Die Wut von Sohn Joe richtet sich gegen den Islam, das ist zeitgeistig, das Ziel wäre aber austauschbar, denn nicht die Verfassung der Gesellschaft wird verhandelt, sondern der Umgang mit dem Zorn, seinen Folgen, vor allem auch für das fragile Familienleben. „Zorn“ ist, trotz vieler aktueller Aspekte, kein politisches Theater. Das Spiel, seine Konstruktion, ist zu durchscheinend. Die vielen angerissenen Themen geben Anlass für Überlegungen, Diskusssionen, „Zorn“ nimmt aber selbst nicht Stellung. Die Wirklichkeit überrollt das Schauspiel gerade wieder.

Die Regensburger Vorstellung ist gediegen, nicht spektakulär. Intelligente Konversation, Familien-Entertainment. Schluss ist, wenn der Stecker gezogen wird; aber das wusste ich schon von Claudia Bockholt. Anerkennender Applaus.

Theater Regensburg – Aufführung am 16. November 2015

Fotos: Jochen Quast


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