Nachrichten vom Höllenhund


Sachbuch 2017/1
18. Januar 2017, 15:04
Filed under: - Sachbuch

Jochen Oltmer: Globale Migration. Geschichte und Gegenwart

oltmermigrationIn einem der schmalen, aber informativen Bändchen von C.H.Beck-Wissen gibt Jochen Oltmer einen Überblick über Wanderungen seit dem 16. Jahrhundert. Das Buch stammt von 2012, wurde aber 2016aktualisiert. Man muss sich mit vielen Zahlen beschäftigen, die man sich im einzelnen nicht merken kann, die sich aber hier leicht wieder nachschlagen lassen.

Man erfährt, dass die meisten Migrationen Arbeitskräfte betrafen, dass diese Arbeitskräfte stets als Manövriermasse gesehen wurden, die sich mannigfachen Bedrückungen ausgesetzt sahen, aber auf Beschäftigung, wenn auch noch so schlecht entlohnt, angewiesen waren. Es geht von der „Erschließung und Verdichtung des globalen Raums durch Migration vom 16. bis zum 19. Jahrhundert” über “migratorische Folgen” der Kolonisation und “Flucht,Vertreibung, Deportation” im Zusammenhang mit den Kriegen, “Migration und Wachstum der Städte” bis zur “globalen Flüchtlingsfrage” des 21. Jahrhunderts. Wichtig bei solchen Übersichten. Die heutigen Probleme sind nicht neu, haben sich z.T. beschleunigt und globalisiert, doch hilft ein Blick in die Geschichte gegen das hysterische Geschnatter von Presse und bornierten Nationalisten und Rassisten.

Eines der Themen, die man nicht vergessen sollte:

Das nationalsozialistische <Dritte Reich> war nur deshalb in der Lage, den Zweiten Weltkrieg beinahe sechs Jahre lang zu führen, weil es ihn als Beutekrieg geplant hatte. Die mit Deutsch­land verbündeten Staaten sowie die von 1938 an erworbenen bzw. eroberten Länder und Landesteile hatten dabei die Auf­gabe, mit Produktionskapazitäten, Rohstoffen und mit ihrer Be­völkerung der deutschen Kriegswirtschaft zu dienen. Im Laufe des Krieges stieg die Bedeutung der geraubten Güter und Men­schen für die deutsche Kriegswirtschaft immens an: Im Oktober 1944 wurden fast 8 Millionen ausländische Zwangsarbeits­kräfte in Deutschland gezählt, darunter knapp 6 Millionen Zivilisten und rund 2 Millionen Kriegsgefangene. Sie stammten aus insgesamt z6 verschiedenen Ländern. Die UdSSR domi­nierte als Herkunftsland der Zwangsarbeitskräfte mit einem Anteil von mehr als einem Drittel (2,8 Millionen) an ihrer Ge­samtzahl, 47 Millionen kamen aus Polen und 1,2 Millionen aus Frankreich, jeweils mehrere Hunderttausend aus Italien, den Niederlanden, Belgien, der Tschechoslowakei und Jugoslawien.
Das enorme wirtschaftliche Gewicht der ausländischen Zwangsarbeitskräfte zeigt sich im Anteil an der Gesamtbeschäf­tigung: Insgesamt stellten sie im September 1944 etwa ein Drit­tel der Beschäftigten, sie fanden sich in allen Wirtschaftszwei­gen, in allen Betriebsgrößenkategorien über das ganze Reich verteilt. In einigen Wirtschaftszweigen bzw. Betrieben war ihre Bedeutung besonders hoch, etwa in der Landwirtschaft, die 1944 einen Anteil von 46 Prozent erreichte, oder für den Berg­ bau mit 36 Prozent. In manchen Betrieben mit einem hohen Anteil unqualifizierter Arbeit kamen vier Fünftel aller Beschäf­tigten aus dem Ausland. Ein Drittel der ausländischen Arbeits­kräfte waren Frauen – ein Großteil jünger als 20 Jahre. Insge­samt lag das Durchschnittsalter bei 20 bis 24 Jahren.Deutschland wurde mit einem System von über 20000 La­gern für ausländische Zwangsarbeitskräfte überzogen. (…)In jener Form eines im großen Maßstab auf ausländischer Arbeitskraft basierenden Zwangsarbeitersystems blieb der nationalsozialistische <Ausländer-Einsatz> ohne Paral­lele.

Michael Lüders: Die den Sturm ernten. Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte

luederssyrienMichael Lüders lässt keinen Zweifel daran, dass das Assad-Regime verbrecherisch ist. Doch er fragt nach weiteren Ursachen für den Krieg in Syrien. Er sieht darin keinen Bürgerkrieg, sondern einen Stellvertreterkrieg mit einer kaum überschaubaren Zahl von Interessen. „Im Kontext von Geopolitik sind «Werte» wenig mehr als eine Chiffre, die der Eigenlegitimation militärischer Gewalt dient – zur Durchsetzung hegemonialer Macht.” Hier stellt er vor alem die US-Politik an den Pranger, die ohne Verständnis, ja, ohne Kenntnis regionaler sozialer Strukturen und zudem ohne Plan agiere.

Indem sei “der Westen” dschihadistische “Rebellen” gegen Assad verharmlose und sie ideologisch und militärisch unterstütze, habe “der Westen Syrien ins Chaos” gestürzt. In der Verantwortung sieht Lüders auch die Medien, die keine “kritische Fragen” stellen, sondern dem vorgegebenen Mainstream der jeweiligen Interessen folgten.

Lüders beleuchtet auch die Rolle der Türkei, Saudi-Arabiens, des Iran. Eigen Kapitel befassen sich mit Aleppo und der Berichterstattung über die Zerstörungen, den “Chemiewaffen in Syrien”, speziell dem Giftgas-Angriff auf Ghouta 2013.

Die Reaktionen darauf sind ein Lehrstück dafür, wie spielend leicht die Öffentlich­keit in einer so elementaren Frage wie Krieg und Frieden manipuliert werden kann – ohne auf nennenswerten Wider­spruch zu stoßen. Wer wollte, konnte recht bald schon wis­sen, dass die Beweislage für Assads Täterschaft nicht ein­deutig war, zumindest Zweifel angebracht erschienen. Trotzdem änderte sich nichts. Die Dinge zurechtzurücken, die der offiziellen Darstellung entgegenstehenden Fakten zu benennen, würde dem Wesen von Machtpolitik zuwi­derlaufen – Washington hätte in dem Fall ja einräumen müssen, dass die vom Westen hofierten Dschihadisten für den schlimmsten Giftgas-Einsatz seit dem irakisch-ira­nischen Krieg in den 1980er Jahren verantwortlich sein könnten. Das damals eingesetzte Giftgas stammte übrigens wesentlich aus den USA, ergänzt um deutsche und franzö­sische Hersteller.

Lüders’ Informationen sind gut belegt, auch wenn man das als Leser nicht individuell nachprüfen kann. Als kritischer Kenner der Region und der geopolitischen Methoden wird er hin und wieder auch ins Fernsehen eingeladen (Markus Lanz, Anne Will u.a.), doch zeigen sich deutlich die Beschränkheit von Talkshows, die auf Statements setzen und für Erläuterungen keinen Platz einräumen. Wer sich über Syrien im Geflecht der Interessen informieren will, sollte – auch – Michael Lüders lesen.

Zur Debatte um die Seriosität von Lüders vgl. auch: ARD ttt

Philipp Ther:
Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent: Eine Geschichte des neoliberalen Europa

therordnungDetailliert zeigt Ther die Entwicklungen in den ost(mittel)europäischen staaten seit 1989. Er vergleicht die Metropolen – einschließlich Berlin – und belegt, dass ihr neuer Reichtum einer weiteren Verarmung des Landes gegenübersteht. Die Transformation teilt er in Phasen, die von der “Revolution” 1989 bis 1991 über die “Wellen” der Neoliberalisierung bis zu einem Ausblick auf Südeuropa als “neuer Osten und den “Konflikt um die Ukraine” reichen. So kleinteilig die neoliberalen Reformen aufgelistet sind, so unbestimmt bleiben die “Bilanz nach der Krise, der Blick auf die “Kotransformation” in Deutschland und die Gegenüberstellung von “genutzten und verpassten Chancen”. Ther stellt den Begriff des Neoliberalismus in den Titel und erläutert seine Auswirkungen, wertet aber nicht. Die neoliberalen Reformen bedeuten für ihn Fortschritt, aber auch eine Vertiefung der Ungleichheiten zwischen den sozialen Schichten und vor allem auch zwischen Boomtowns und verarmendem ländlichen Regionen. Diese Probleme werden benannt, aber nicht hervorgehoben. Philipp Ther kennt die beschriebenen Regionen aus eigenen Beobachtungen und flicht diese immer wieder in die zeithistorischen Betrachtungen ein. Für “breite Diskussionen” (Klappentext) wird das Buch nicht sorgen, denn Ther versäumt es, die Begriffe präzise und pointiert zu verwenden. “Ther geht es dabei nicht um eine „modische Fundamentalkritik“ der neo­liberalen Theorie, sondern er analysiert vor allem die neoliberale Praxis.” (Achim Engelberg, Blätter für deutsche und internationale Politik)

Oliver Nachtwey:
Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne

nachtweyOliver Nachtwey schreibt über den Wandel der Arbeitswelt und die daraus resultierenden Veränderungen der sozialen Verhältnisse und deren Auswirkungen auf den einzelnen Menschen und seine sozialen Beziehungen. Seit Mitte der 80-er Jahre sieht er einen sozialen Abstieg, eine Prekarisierung der Arbeit und daraus folgende Statusängste als zentrale Merkmale der kapitalistischen Klassengesellschaft. Eingebettet ist dieser Befund in die Geschichte der „sozialen Moderne“ seit dem zweiten Weltkrieg – mit Fokussierung auf Deutschland. Bis in die 70-er Jahre habe es einen „Fahrstuhleffekt“ sozialer Aufstiege gegeben, der auch für die unteren und mittleren Schichten eine Perspektive nach oben bot, seit der Durchsetzung des Neoliberalismus sei diese Perspektive durch das Bild der „Rolltreppe nach unten“ ersetzt worden, ein „Kapitalismus (fast) ohne Wachstum“ habe die Klassenverhältnisse neu gefestigt. Nachtwey bezeichnet dies als „regressive Modernisierung“.

Die Befunde sind nicht neu, Nachtweys Verdienst als Soziologe ist die Zusammenschau und die historische Einordnung, ein Plus ist auch die verständliche Darstellung, die auf unnötige Fachtermini verzichtet. IM letzten Kapitel befasst sich Nachwey mit dem „Aufbegehren“, von der geänderten Rolle der Gewerkschaften über neue, „postkonventionelle Proteste“ bis zur Radikalisierung von „Wutbürgern“ – Stichwort: Pegida. Nebenbei und teils in Fußnoten erklärt Nachtwey auch wichtige Begriffe, etwa „Neoliberalismus“, „Finanzialisierung“, „Individualisierung“, „Postdemokratie“, „Marktbürger“, „Künstlerkritik“, „Autoritarismus“ u.a. Ein wichtiges, anschaulich geschriebenes und aktuelles Buch über den Zustand unserer Gesellschaft.


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