Nachrichten vom Höllenhund


Mayer
3. Februar 2017, 17:20
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Berni Mayer: Rosalie

rosalie»Du bist mir ein komischer Vogel, Schwarzer«, sagte der Böhmi. »Ich dachte, du willst hier was einreißen. Hier in diesem Arschnest. Schauen, was unter dem Bürgersteig liegt, schauen, wie’s drunter aussieht. Hier ist doch alles so zusammengekehrt, so blitzsauber, da wär’s doch mal an der Zeit, zu schauen, wer hier eigentlich immer so sauber aufräumt und warum. Dass hier was nicht stimmt, merkst du doch auch.

„Rosalie“ ist ein Roman und da muss was passieren. Doch damit man merkt, dass was passiert, braucht’s die banale Grundfolie: eben das „Arschnest“. Der „Böhmi“ ist ein verlässlicher Freund, auch wenn er später seine Gesellenprüfung in den Sand setzt; der Bartl ist ein Schlauer, aber mädchenmäßig mindererfolgreich; der Erzähler Konstantin wird „Schwarzer“ genannt, weil er sich von oben bis unten schwarz kleidet, im verdunkelten Zimmer des elterlichen Wirtshauses haust und des öfteren fiebert. Alle sind im Alter knapp vor dem Führerschein, was in der niederbayersichen Provinz des tertiären Hügellands eine Zeitenwende bedeutet, denn ohne Auto ist man im Dorf gefangen und verratzt. Der Führerschein verspricht die Welt. Die Burschen haben alle den Artikel vor dem Namen.

Im Frühling des Jahres 1986 passiert was, aber weit weg in der Ukraine, genauer in Tschernobyl, aber die Bedrohungen verhängen sich in den Wolken, das verregnet sich. Viel wichtiger sind die Ausschläge der Pubertät, die provinzbedingt etwas später als gewohnt auftritt. Das Dorfleben ist streng reglementiert, Nachbarn und der Pfarrer Parzefall haben alles im Blick, die Freiräume sind knapp bemessen.

Wir waren mit dem Bartl verabredet, um gemeinsam »um rote Eier« zu gehen. Ich weiß bis heute nicht, woher dieser Brauch über­haupt stammte, beziehungsweise, ob es überhaupt ein echter Brauch war. So viel stand fest: Es war einer der besten Tage des Jahres. Der einzige Tag, an dem die Praamer Gesellschaft die Kombination von Schnaps und Hausbesuchen bei noch nicht volljährigen Mädchen zu hundert Prozent tolerierte, wenn nicht sogar unterstützte.

Am Ostermontag diktierte dieser merkwürdige Brauch, dass die jungen und unverheirateten Männer bei den unverheirateten Frauen klingelten und um rot gefärbte hart gekochte Eier baten. Zu den roten Eiern bekamen sie in der Regel ein Gläschen Schnaps dazu, gelegentlich eine Brotzeit und was am allerwichtigsten war: eine Audienz und gegebenenfalls ein Küsschen der Tochter des Hauses. Das war alleine deshalb so besonders erwähnenswert, weil es sich überhaupt nicht gehörte, ein Mädchen zuhause aufzusu­chen, das noch bei seinen Eltern wohnte. Da die Mädchen in Praam aber in der Regel entweder für immer zuhause wohnten oder hei­rateten und umgehend bei den Schwiegereltern anbauten, fragte ich mich, wie man jemals mit einem Mädchen aus Praam schlafen sollte, wenn man sich nicht gegenseitig besuchen durfte. Selbst mei­ne Eltern missbilligten das Mitbringen von Mädchen aus Praam oder Nachbarorten, weniger wegen der Moral, sondern wegen des Geredes der Leute, wie meine Mutter betonte.

Zu Ostern aber passiert das Einschneidende: Mit ihrem Vater zieht Rosa (“Wie die Farbe”) von München nach Praam.

Weil sie sich keinen Millimeter bewegte, wirkte sie mit ihrer vorwurfsvollen Blässe geradewegs wie in den Ort hineingesetzt. Ein Fremdkörper, eine Geistererscheinung. Erst als der Zug sich in Bewegung setzte und Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen anstimmte, wandte sie den Blick langsam ab und setzte ihren Weg in die Gegenrichtung am Bach entlang fort. Es war nicht so, dass mich sofort ihre besondere Schönheit ergriffen hätte, auch fand ich sie nicht besonders ansprechend gekleidet, mit ihrer weinro­ten Strickjacke und der weißen Bügelfaltenhose. Mich ergriff, wie sie in ihrer Fremdhaftigkeit herausleuchtete aus dem Praamer Kar­freitagsschwarz. Es war nicht nur ihre Blässe oder die mutmaß­lich papierdünne Haut, es war diese Mischung aus überheblicher Teilnahmslosigkeit und spöttischer Neugier auf unsere Riten. (…)»Hast du das Mädchen drüben beim Kriegerdenkmal gese­hen?«, fragte ich leise den Böhmi, während das Herzliebster Je­su-Lied bereits bei der dritten Strophe angelangt war.
»Was ist die Ursach‘ aller solcher Plagen? Ach, meine Sünden ha­ben dich geschlagen!«
»Die taugt dir, oder?«, sagte der Böhmi viel zu laut.

Josef Wirnshofer nennt sie im SPIEGEL “rotzgörig”, aber das trifft es nicht, das Wort gibt es im Bairischen gar nicht. Sie ist mit ihren 14 Jahren jünger als der Böhmi, der Bartl und der Schwarze, aber das gleicht sie leicht aus, weil sie sprachgeübt und forsch ist. Rosa betrachtet Praam als Abenteuerspielplatz, mit Konsti entdeckt sie die Plätze, wo sie nicht entdeckt werden. Der beste Platz ist das verfallende Wasserschloss und genau dort passiert das dritte zentrale Ereignis des Romans: Rosa und Konsti entdecken einen Erhängten. Das lässt sich nicht geheimhalten. Für Rosa ist das Thema zu groß, sie will bloß spielen, Konstantin aber hat einen Onkel Albert und der ist Lokalredakteur in Passau und wittert einen Coup. Onkel und Neffe finden heraus, dass das Wasserschloss von den Nazis als Vernichtungslager für Kinder von polnischen Zwangsarbeiterinnen genutzt wurde,

Für ein paar Tage ist das Dorf in Aufruhr, die Verdrängung, das Totschweigen hat einen Riss, für den Skandal wird Konstantin verantwortlich gemacht. Ein weiterer Grund für ihn, aus Praam wegzugehen, doch zuvor schenkt er zusammen mit dem Böhmi dem Dorf noch einen Akt der “Wiedergutmachung”.

Berni Mayer erzählt unaufgeregt, unterschwellig, nie von oben herab, er trifft den Ton der Jugend der Zeit, er folklorisiert nicht, seine Personen „sagen“, die Dialoge sprechen für sich, sie müssen nicht kommentiert werden. Doch kann er den Alltag auch poetisieren. Die Geschehnisse verbandelt der rosa Faden, Rosa ist für den Erzähler der Haltepunkt, der aber nach den Ereignissen im Schloss verlorengeht. Die Weltgeschichte tritt ins Dorf, doch Praam geht im Dorftrott dahin, auch wenn die Schritte manchmal etwas größer werden, was man als Beschleunigung spüren kann. Ein paar Mal springt Mayer in die Zukunft und räsoniert über Raum und Zeit und Rosa. Zur Clique hat Mayer einige sympathisch-schrullige Einheimische gesellt: die etwas hantige Pfarrhaushälterin Fräulein Fanni (»Jagibsdonedawosisnachadradowidalos, ingodsnamaderkap­lanhodsihiglegtdoan«), die derbe Brauschwester Lisi im Kloster Schyren, der Hämmorhoiden-Schorsch, der eigentlich Musiklehrer war, die desillusioniert-wortkarge Mutter. Nur die Lehrer des Schyrener Gymnasiums bleiben blass.

Das Leben, das Berni Mayer beschreibt, ist eines, wie es so war in den 80er Jahren im Niederbayerischen. So könnte auch die Jugend des Autors gewesen sein, der in Mallersdorf geboren wurde und jetzt in Berlin lebt. Draußen in der Welt. Ein Heimatroman der angenehmen Sorte. Eine „Southern Gothic Novel“ (Berni Mayer) Sympathisch. Bernhard Blöchl (SZ) findet das Buch „schrecklich schön“.

2016        290 Seiten

Viele Materialien beim Dumont-Verlag (Leseprobe, Buchtrailer, Autorenlesung u.a.)

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2

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