Nachrichten vom Höllenhund


Vermögend
7. März 2018, 12:26
Filed under: Theater

Gesine Schmidt: Vermögend
Inszenierung: Mia Constantine

5 Personen suchen eine Rechtfertigung dafür, dass sie reich sind. Sie sprechen zunächst nicht nur von sich, sondern auch zu sich selbst, denn sich selbst glaubt man gern, hat man sich doch seine Sätze und Meinungen zurechtgebogen. (Gelogen?) Wenn sie nach außen gerichtet sind, wird’s schon schwieriger und deshalb sagen Reiche auch oft lieber nichts, geschweige denn, dass sie Rede und Antwort stehen. Gesine Schmidt ist zu einigen Reichen vorgedrungen und 5 der von ihr Befragten haben es jetzt in ihr „Stück“ geschafft, vermögen es, ihr Glück und ihre Pein wortreich zu erläutern. Den Titel „Vermögend“ kann man durchaus ambivalent auslegen. Muss nur noch das Publikum dran glauben.

Für die Bühne bedeutet das Verfahren der Selbstbezeugungen, Masken für die Charaktere aufzustellen. Personen, die das Vermögen verkörpern, das Geld und damit auch seine Darsteller in ihrer Vereinzelung sind vorzuführen. (Früher war das leichter: Geldsäcke konnten –und wollten – sich nicht vernebeln.) Die Rollen sind nach ihren Maskierungen benannt: Banker, Erbin, Stifterin, Unternehmer, Unternehmersohn. Jede(r) lebt in seinen/ihren Verhältnissen und die sind nun mal so: Da muss man mit. Auch wenn man meint, darunter zu leiden.

vermoeg1Die armen Vermögenden im einzelnen: Michael Haake ist der leicht-intellektuelle Banker, der die deregulierten Zwänge durchschaut hat und sie sich und uns gern erklärt. Er hat hingeworfen – nachdem sein Vermögen durch Bonni und Abfindungen bis zum Ruhestand gesichert ist. Stefan Schießleder (als Gast in Regensburg) hat dem Unternehmen seines Vaters entsagt, um sich ganz seinen Leidenschaften hingeben zu können. Mitgefühl heischend wirft er uns seine Qualen bei Speedboat-Rennen an den Kopf. Das kostet auch Geld, aber das ficht ihn nicht an: Er hat es. Ein eher egomaner Typ. Michael Heuberger ist der Selfmademann „alten Stils“, vom Teppichboden zu Möbeln für „Pocoskis“, billig im Osten gekauft, im Westen an die weniger vermögende Masse gebracht. Gesine Schmidt nennt hier den Klarnamen hinter der Maske: Pohlmann, das Vermögen wurde stiften geschickt, inzwischen laufen Untersuchungen. Ein ehrenwerter Mann (!), ein Wohltäter. Stiften ist auch das vermoeg2Herzensanliegen der „Stifterin“ Franziska Sörensen. Eine selbstbewusste Frau (!), die von Wohltaten spricht, wo sie Steuerentzug meint. Grundsympathisch. Die Ärmste der Vermögenden ist die „Erbin“ Silke Heise, mal in einer leiseren Rolle. Sie leidet unter dem über sie gekommenen Vermögen. Wir können nicht anders, als mitzuleiden mit ihren Familienproblemen. Eine wie wir, bloß mit Geld.

Da der neoliberale Kapitalismus zur extremen Vereinzelung führt, spricht jede(r) nur von sich. Die anderen scheinen zuzuhören, fahren aber ungerührt in ihrer eigenen Suada fort. Auch als sie am Schluss in Teramarbeit Care-Pakete packen, bleiben sie im Rechtfertigungsmonolog gefangen. Arme Reiche. “Das Glück kann man sich nur selber schaffen.” (Stifterin) Regisseurin Mia Constantine collagiert das maskierte Larifari und stellt mit dem Co-Working (incl. Kaffeepause) einen entlarvenden Kontrast her zur penetranten Selbstbezogenheit. Masken, die Charakter faken: „Man muss das Geld nehmen … als soziales Blut, das Leben ermöglicht und es einer neuen Nutzung zuführen.“ (Stifterin)

Die Aufführung ist eher etwas zum Hören als zum Schauen. Eine Rampe auf einer ansonsten kargen Bühne (Monika Frenz) verschafft etwas Bewegungsraum, hinter vermoeg3Jalousien vermutet man einen Lagerraum (mir kam die Assoziation: Gefängnis). Für weitere Augen-Blicke sorgen Videoprojektionen (Michael Lindner). Nach spätestens 1 ½ Stunden merke ich an meiner körperlichen Unruhe, dass sich die Auslassungen wiederholen, dass nichts wesentlich Neues zu erwarten ist, dass mich das Vermögen endgültig mit seinem unaufgeklärten Gelaber einlullt. Die Masken werden vorgeführt, nicht abgerissen. Banker Haakes Schlusswort verharmlost banal: „Es gibt keine Guten und keine Bösen in dem Spiel (…) Wir sind alle unschuldig in Schuld verstrickt.“ – (Ja, es gibt sie schon, die „Promi-Millionäre“, die fordern: Besteuert uns stärker!“ Aber das bleibt Gaukelspiel – ein Thema für die Bildzeitung.)

Schmidts und Constantines Theater ist insofern dokumentarisch, als die Selbstbespiegelungen der Figuren zur Diskussion gestellt werden, doch nicht die Verhältnisse. Diese lassen sich nicht mehr erzählen, da „das System … sich von der Erfahrung und Erfahrbarkeit entkoppelt“ hat (Friedrich Engels, schon damals). „Es sind vor allem die alten Fahrensleute des Theaters Regensburg, … die die menschlichen Dimensionen der präsentierten Protagonisten eröffnen.“ (Christian Muggenthaler) Das tun sie gut, so gut, dass man hinter der Menschlichkeit die Verhältnisse leicht übersehen kann. Sind aber die vermenschlichten Figuren wirklich so interessant, dass sie auf die Bühne und nicht in den Boulevard gehören? Voller Saal, die Darsteller werden mit viel Applaus belohnt. Die Fragen muss man selbst stellen.

Fotos: Martin Kaufhold

Theater Regensburg – Aufführung am 3. März 2018


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