Nachrichten vom Höllenhund


Loschütz
14. Mai 2018, 16:38
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Gert Loschütz: Ein schönes Paar

loschuetzpaarKurz nacheinander sind Philipps Eltern gestorben. Philipp ist Fotograf geworden, jetzt ist er selbst schon über 50. Beim Auflösen der elterlichen Haushalte findet er die Fotos – und analysiert sie akribisch, wie mit einem Stereoskop. Einen Blick für die Mutter, Herta, einen für den Vater, Georg. Ein schönes Paar. Der Sohn betrachtet sie bis zum Schluss als Paar, obwohl sie sich schon bald getrennt haben, nachdem sie auf ihrer Flucht aus der DDR im Westen ankamen. In der „Schieferstadt“ bei Gießen war’s, 1957, und es hat beide ganz schön aus ihren Lebensläufen geworfen.

Philipp hat den fotografischen Blick und Gert Loschütz übernimmt diese Betrachtungsweise beim Schreiben. Minutiös seziert er die Bilder, setzt sich mit den evozierten Erinnnerungen auseinander, schnörkellos schildert er die Welten von Herta und Georg, ihre Lebensäußerungen, die das Intime zu verbergen suchen, dem Analytiker aber doch fast alles verraten.

Ein Stereoskop ist ein Gerät zum Betrachten von Stereo­bildpaaren, die mit einer Stereokamera aufgenommen wurden. Durch die geringe seitliche Abweichung entsteht der Eindruck räumlicher Tiefe: Man glaubt, den Porträtier­ten leibhaftig vor sich zu haben. Man blickt durchs Stereo­skop und ist mit ihm allein. Da man dabei die Augen auf die Okulare pressen muss, sind alle anderen optischen Eindrü­cke ausgeschaltet, sodass man sich ganz auf die Gesichtszüge des Abgebildeten konzentrieren kann.
Ich könnte mir vorstellen, dass Liebespaare, die voneinan­der getrennt leben mussten, über diese Erfindung sehr froh waren. Eine Zeit lang jedenfalls, bis sie die Nähe, die doch nicht greifbar war, rasend machte. Die anderen, die ebenfalls Hoffnung in diese Technik setzten, waren die Kriminologen. Sie erlaubte es ihnen, im Gesicht des Täters zu forschen. Konnte man dem Unerhörten, dem Rätsel, das einem das Ver­brechen aufgab, nicht auf die Spur kommen, indem man im Gesicht des Täters las, wie es der Jäger in den Hufabdrücken des Wildes tat? War in dieser Landschaft aus Hebungen und Senkungen, der man, anders als auf herkömmlichen Fotogra­fien, mit dem Finger nachspüren zu können meinte, nicht vielleicht die Erklärung enthalten, nach der man die ganze Zeit gesucht hatte?
Die Liebespaare und die Kriminologen also. Und beide wurden am Ende enttäuscht.

„Auch an wirklich hellen Tagen gibt es Stellen, die im Halbdunkel liegen.“ Rätsel bleiben, weil das „Paar“ auf Vertuschungen setzt, weil Herta und Georg sich selbst nicht alles offenbaren wollen oder können. Was treibt die Mutter, was hat sie vertrieben? Wer ist diese Mila, die immer wieder bei Philipp auftaucht? Die Liebe scheitert an der Unfähigkeit, sie sich einzugestehen, Herta setzt sich ab, wie weit, wird erst am Schluss angedeutet, Georg versinkt in sich. Philipp lebt dazwischen, was versteht ein achtjähriger Junge schon davon, was will man einem dreizehnjährigen schon von den Wirren des Lebens zumuten. Auch Philipp ist auf den Bildern zu sehen. Der Erzähler reflektiert alles, wechselt die Zeiten von der DDR zum Westen, wo das Leben und Lieben auch nicht leichter gelingen mochte, wechselt in die Zeit der Aufarbeitung, sucht die Zusammenhänge, versucht zu verstehen, versucht. neutral zu bleiben. Die Ängste von Mutter und Vater vor der Flucht, wo sich die Gedanken in die Beobachtungen schieben, die Gefahren zeigen sich in den kleinen Dingen. Man muss alles im Blick haben, nichts ist unwichtig, die exakten Beschreibungen sind nicht Dekor.

Als sie vom Friedhof zurückkommen, sind sie noch immer nicht da. Kein Auto wartet vor der Tür, keiner drückt sich in der Nähe des Hauses herum. Über der Stadt die mittägliche Stille, in der man ein Auto kilometerweit hört. An der Gar­tentür bleibt Herta stehen, blickt die Straße hinunter und lauscht. Dann nickt sie und drückt die Tür auf. Sie gehen durch den kleinen Vorgarten, die Stufen hinauf. Die Katze des Nachbarn liegt zusammengerollt auf dem Abtreter vor der Verandatür. Er bückt sich und setzt sie auf die Mauer, von der die Treppe zur einen Seite hin eingefasst ist. Sie hebt kurz den Kopf, rollt sich wieder zusammen und schläft wei­ter. Dann schließt er die Tür auf, und sie gehen durch die Veranda, durchs Treppenhaus in die Wohnung.
Auch hier ist es still, ganz still. Der Junge ist nach der Schule zu den Großeltern gegangen. Herta hat ihre Mutter gebeten, am Nachmittag auf ihn aufzupassen. Als Erstes öff­net Georg die Tür zum Wohnzimmer, tritt an den Tisch und hebt die Zeitung auf. Ja, da liegt er, der Brief. Die Stempel starren ihn noch genauso gefährlich an wie vor der Beerdi­gung, als er ein Versteck für den Brief suchte.
Am Vormittag wollte er auf sie warten, weil er glaubte, sie seien schon auf dem Weg. Er wollte sich hier festnehmen las­sen, in der Wohnung, dann, als sie um halb zwei noch nicht da waren, ging er mit zum Friedhof, und unterwegs fiel die Ent­scheidung: Er würde weder hier auf sie warten noch sich ihnen am nächsten Tag ausliefern.

Es passiert gar nicht so viel im Roman, die Handlung entsteht im Leser und zieht einen durch den Text. Auch wegen der “Leerstellen”. Die Zeitgeschichte bleibt im Hintergrund und ist doch immer da, etwa im Durchscheinen der “Atmosphäre der bundesrepublikanischen Kleinstadthaftigkeit“ (Christoph Schröder, ZEIT) “Das schöne Paar” ist kein politischer Roman, das Private ist aber nicht abgelöst von der Zeit denkbar. Der einzige Gegenstand von Wert, den die Eltern auf der Flucht mitnehmen, ist eine Exakta-Varex-Kamera, doch was in der DDR kostbar erschien, kann man im Westen nicht einmal verkaufen. “Als der Sohn viele Jahre später in romanischen Kirchen Aragóns fotografiert, konzentriert er sich auf den winzigen Augenblick, in dem die Morgensonne durch die winzigen Fenster am Kopfende der Apsiden schießt. »Apsiden. Heute weiß ich, dass das Wort noch eine andere Bedeutung hat: Man bezeichnet damit auch den jeweiligen Punkt der kleinster oder größten Entfernung eines Planeten vom Gestirn, das er um kreist.« Die der Liebenden voneinander.” (Erich Hackl, konkret)

2018            235 Seiten

Hör- und Leseprobe beim Verlag Schöffling & Co.

Besprechung von Constanze Mattes auf zeichenundzeiten.com

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