Nachrichten vom Höllenhund


Melchor
4. Februar 2020, 19:07
Filed under: - Belletristik | Schlagwörter: ,

Fernanda Melchor:
Saison der Wirbelstürme

melchorWichser. Alle. Schwuchteln. Diejenigen, die nirgends untergekommen sind, nicht im Denken, nicht im Wissen, nicht im Job, nicht bei sich. Der kümmerliche Bodensatz: Saufen, Pillen, schlagen, ficken, morden. Perspektive: Weiter so wie bisher. Wegziehen: ein nebliger Gedanke. Männer. Natürlich auch Opfer.

Opfer dieser bestialischen Opfer: Frauen, Mädchen, Mösen. Doppelopfer, weil sie die Kinder kriegen, Fickprodukte, mehr ist nicht. Sich verkaufen für ein paar Pesos, ein bisschen Frieden in der Kirche, bei den Heiligen, das Beten als Volksdroge der Frauen.

Wenn man etwas tut, was immer man getan hat, man möchte es ungeschehen machen. Denn es führt zu: Nichts. Ein Treiben aus existenziellen Nichtigkeiten. Es gibt kein richtiges Leben im falschen Sein. Der Kreis hat keine Öffnung, jeder Versuch führt tiefer in den Sumpf der Wichser.

Fernanda Melchor taucht tief hinein, hinab in diese Sümpfe in der mexikanischen Provinz. La Metosa, nicht mal zum Überleben geeignet. Am Anfang und am Ende steht der Mord. An der Hexe, La bruja, der Heilerin, der Schwuchtel, in der man sich selbst hasste, bei der man Wertsachen vermutete. Das bekannte Muster.

Es beginnt wie es endet: Leichen, Sumpf, schwarze Schlangen

… Sirren der Steine, wenn sie direkt vor ihren Gesichtern die Luft zerschnitten, die warme Brise, in der die Geier am fast weißen Himmel kreisten und die von einem Gestank erfüllt war, der schlimmer war als eine Handvoll Sand im Gesicht, einer Ausdünstung, die einen aus­spucken ließ, um sie nicht zu schlucken, die einem jede Lust raubte, weiterzugehen. Aber der Anführer deutete auf den Rand des Schilfs, und zu fünft robbten sie über das trockene Gras, fünf Körper wie einer, von grünen Fliegen umschwärmt, und so sahen sie schließlich, was aus dem gelben Schaum des Wassers ragte: das halb verweste Gesicht eines Leichnams zwischen Schilfgras und Plastiktüten, die der Wind von der Straße herüberwehte, eine schwärzliche Maske, lächelnd in ei­nem brodelnden Gewusel schwarzer Schlangen.   …

… der Menschen, die ein hal­bes Leben unter der gnadenlosen Sonne umhergewankt sind. Dann kam dieses arme zerstückelte Mädchen; wenigstens war es nicht nackt, das arme Ding, sondern in himmelblaues Zel­lophan eingewickelt, damit seine Glieder nicht auf dem Boden des Krankenwagens herumflogen, vermutete der Alte. Dann kam das Neugeborene, das Köpfchen gerade so groß wie eine Cherimoya, das die Eltern bestimmt in irgendeiner Klinik der Gegend ausgesetzt hatten, wo es dann seinen letzten Atemzug getan hatte. Und zuletzt der schwerste und umfangreichste von allen, die Angestellten mussten ihn mit Laken halten, weil die Haut sich ablöste, wenn sie ihn an Händen oder Füßen anfassten; der würde dem alten Mann sicherlich mehr Arbeit machen als alle anderen zusammen, sogar mehr als das arme zerstückelte Ding, weil der Lump nicht nur erstochen worden, sondern zudem noch ganz war; halb verwest, aber ganz, und mit denen hatte man immer am meisten zu tun; als würden sie sich nicht in ihr Schicksal fügen wollen, als hätten sie Angst vor dem dunklen Grab. Aber das konnten die beiden Schwach­köpfe vom Leichenhaus nicht wissen. Sie wollten nur ein paar …

Fernanda Melchor hat es auf sich genommen, diesen Wust auszukotzen. 230 Seiten, fast ohne Punkt. Ohne Abschnitte durchgeschrieben, denn auch das Leben hat keine Strukturen. Fernanda Melchor verfolgt ein paar der Gebrochenen in deren Gedanken, endlosen Suaden um nichts. Sie tut das in einer solch authentischen, mitleidslosen Sprache, dass ich mich immer wieder versicherte, dass der Autor eine Frau ist. Der Realitätsgehalt? Ist das Leben in – gewissen Gegenden von – Mexiko wirklich so desaströs, so verwichst? Hat es Folgen, wenn man den sozialen Bodensatz so lebensecht zum Ausdruck bringt, hat es Folgen für den Leser?

Viele Leser fühlen sich getroffen, überfordert, wollen nicht wahrhaben, was sie lesen. Sie überlesen im Roman die Sozialreportage. „Der Roman wäre aber vermutlich kaum so beeindruckend, wenn seine Brutalität nicht so nah an der Wirklichkeit wäre.“ (Isabel Metzger, SPIEGEL) Es gibt auch Bücher über heilere Welten. Fernanda Melchor will die üble Seite zeigen, das üble Leben der Ausgebeuteten – und damit ist der Roman auch ein Statement zum Hurrikankapitalismus.

„Auffällig und ermüdend ist die Manie der Autorin, sexuelle Handlungen jeder Art, vornehmlich zwischen Männern, drastisch auszumalen. Im sechsten Kapitel wird eine Orgie im Haus der Hexe, die sich als Transvestit entpuppt, beschrieben. Hier fühlt sich der Leser wie in einen Darkroom gesperrt, in dem alle denkbaren und undenkbaren sexuellen Praktiken ausgeübt werden. Ein Kritiker schrieb, das sei keine Literatur für zartbesaitete Naturen. Andere werden sich fragen, ob das überhaupt noch Literatur ist. (…) Durch das zynische Denken und die üble Nachrede wird auch die geringste solidarische Regung im Keim erstickt. (…) Der strapazierte Leser fragt sich: Wo ist die andere Seite der Medaille? Gibt es denn neben La Matosas heilloser Trostlosigkeit nicht auch ein anderes Mexiko, das intuitiv rücksichtsvolle, einfühlsame, großherzige, sentimentale, geistreiche, innovative, revolutionäre, aus seinen indigenen Wurzeln schöpfende Mexiko? (Peter Schultze-Kraft, FAZ) „Es ist krass, geht unter die Haut und nimmt für den Moment den Glauben, dass der Mensch im Herzen gut ist.“ („Wortesammlerin“ Franziska Werum) „Die nicht leicht zu klärende Frage ist, warum Melchor für ihre Figuren keine Zuneigung aufbringt. Gerade so, als lebten in Mexiko nur Menschen ohne Herz. ‚Sie trug nichts zur Welt bei als das Kohlendioxid, das sie mit jedem Atemzug ausatmete’, sagt Brando über seine Mutter.“ (Ralph Hammerthaler, SZ)

Die Mexikanerin Fernanda Melchor erhält für ihren Roman „Saison der Wirbelstürme“ den Internationalen Literaturpreis des Berliner HKW. Auch ihre deutsche Übersetzerin wurde ausgezeichnet. „Fernanda Melchor hat den Roman der Armut im Globalkapitalismus des 21. Jahrhunderts geschrieben“, heißt es in der Begründung der Jury. Es sei ein Roman des gnadenlosen Kampfes der Schwächsten gegen noch Schwächere und gegen sich selbst, ein Roman der Zerstörung. (SPIEGEL)

… vierzehn hab ich ihn kennengelernt, war gerade nach Villa gekommen, weil ich es satt hatte, dass ich auf der Farm Zitronen pflückte und mein Vater sich das ganze Geld unter den Nagel riss, um es zu ver­saufen oder beim Hahnenkampf zu verwetten; ich hatte von der neuen Landstraße gehört, die hier gebaut wurde, um die Ölfelder mit dem Hafen zu verbinden, und irgendjemand sag­te, dass das eine Goldgrube war und es Arbeit zuhauf gab; ich hatte von nichts eine Ahnung außer Zitronenpflücken, trotz­dem kam ich her, ganz allein, und Scheiße, stell dir vor, was das für eine Überraschung war, als ich gesehen hab, dass die­ses Dorf ein noch schlimmeres Dreckskaff war als Matadepita, Scheiße, und der einzige Ort, wo ich Arbeit bekam, war die Kneipe von Dona Tina, der alten Schlange mit dem Arsch­gesicht, geizig wie sonst noch was. Ich musste das Drecksweib jedes Mal fast anbetteln, damit sie mich bezahlte, und sie warf mir vor, ich würde das Trinkgeld behalten, aber welches Trinkgeld, in dieses beschissenen Loch verirrten sich ja nicht mal die Fliegen. Aber dieses Aas hielt sich für ne feine Dame, ganz anständig und etepetete, als hätte der Heilige Geist höchstpersönlich ihr den Haufen Kinder gemacht, Scheiße; als hätte sie die Kneipe und das Grundstück nicht von der Kohle bezahlt, die sie sich auf den Schwänzen von Tagelöh­nern und Tellerwäschern verdiente, als die sich hier an der Landstraße niederließen. Das alte schwarze Drecksvieh, jetzt macht sie auf edle Heilige, dabei sind ihre beiden Töchter noch schwärzer und noch größere Schlampen als sie selbst, von den Enkelinnen ganz zu schweigen. Immer haben diese Huren über mich hergezogen, vom ersten Tag an haben sie mich behandelt wie das letzte Stück Dreck, und erst recht, als sie dahinterkamen, dass ich was mit Maurilio hatte; ja, da ha­ben sie sich wer weiß was für Geschichten ausgedacht, dass ich dieses Aidszeug hätte und keine Ahnung wie viele Lastwa­genfahrer der gleichen Firma auf dem Gewissen, so widerliche Scheißgerüchte, aus purem Neid haben sie sich das aus den Fingern gesaugt. Und der verdammte Maurilio hat mich nie vor ihnen in Schutz genommen, dieses schnorrende Weichei. Ich weiß wirklich nicht, wie ich so idiotisch sein konnte, mir von dem Arschloch ein Kind machen zu lassen; bevor ich schwanger wurde, war ich ein heißer Feger, ich zeig dir …

2017          230 Seiten

Ausführliche Inhaltsangabe mit vielen Zitaten bei Dieter Wunderlich

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