Nachrichten vom Höllenhund


Roupenian
3. April 2020, 15:02
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Kristen Roupenian: Cat Person (Stories)

roupeniancatpersonKristen Roupenian wurde 2017 bekannt, als ihre Shoort-Story „Cat Person“ im New Yorker Magazineveröffentlicht wurde und „viral“, wie es hieß, ging. #MeToo war gerade erfunden worden, die NYT stellt die Geschichte ins Netz und ich #alterweißerMann habe sie geladen und gelesen. Auf Englisch, was heißt, dass ich für mein Textverständnis nicht bürgen kann.

Jetzt, in der deutschen Übersetzung, hat sich der Text wohl nicht sehr verändert, aber man liest ja nie zwei Mal dieselbe Geschichte. Eine junge Studentin, Margot (20), lässt sich von einem viel älteren Mann (34) ins Kino einladen und geht danach mit ihm nach Hause. Sie lässt sich beschlafen, gerät dann aber in Zweifel über ihre Entscheidung: Roberts Körper ist nicht makellos und beim Sex stellt er sich, na ja, unbeholfen an. Reaktion bei Margot: Ekel. Auch angesichts ihrer „Wahl“. Ein Mann ohne Klasse, nicht ihrer Klasse, schon die Wohnungseinrichtung hält ihrer Prüfung kaum stand.

Jetzt diskutiere ich natürlich darüber, ob Margots vorübergehende Gleichgültigkeit nicht eher ein gefühltes „Nein“ gewesen ist, ob Robert ihr Verhalten nicht als Ablehnung hätte deuten können und müssen. Ob es nicht in allen Fällen sinnvoller ist, sich gegenseitiges Einvernehmen zu versichern. „Ist es für dich OK?“ Ob es nicht besser gewesen wäre, Robert hätte für solche Situationen mehr Erfahrungen gehabt. Ob man nicht auch von einer 20-Jährigen erwarten könnte, sich zu entscheiden und nicht zu erwarten, bis die Entscheidung zu spät gekommen ist. Aber die Wirklichkeit ist wohl unübersichtlicher und schneller als die Reflexion darüber. (Unklar bleibt, ob Robert überhaupt ein Katze hatte.)

Margot saß auf dem Bett, während Robert sein T-Shirt auszog und seine Hose aufknöpfte. Er hatte sie schon bis auf die Knöchel heruntergezogen, als er bemerkte, dass er die Schuhe noch anhatte, und er beugte sich vor, um die Schnürsenkel aufzubinden. Wie sie ihn da so sah, so ungelenk vornübergebeugt, mit dem Bauch, dick und weich und stark behaart, dachte Margot: O nein. Aber der Gedanke daran, was es an Aufwand bedeuten würde, jetzt zu stoppen, was sie in Bewegung gesetzt hatte, war überwältigend. Es hätte ein Maß an Takt und Sanftmut gebraucht, das sie sich nicht vorstellen konnte, aufzubringen. Das Problem bestand nicht darin, dass er sie zu etwas zwingen könnte, was sie nicht wollte. Eher darin, dass, wenn sie jetzt daraufbestand, aufzuhören, nach allem, was sie unternommen hatte, damit es so weit kam, es sie mies und launenhaft hätte aussehen lassen. So als hätte sie in einem Restaurant eine Bestellung aufgegeben, nur um das Essen dann, als es kam, zurückgehen zu lassen.
Sie versuchte, ihre Ablehnung in Unterwerfung niederzuknüppeln, indem sie einen Schluck Whiskey trank. (…) Und dann, ganz eindringlich: »Warte mal. Hast du das hier überhaupt schon mal gemacht?«
Der Abend fühlte sich so seltsam und beispiellos an, dass ihr erster Impuls war, mit Nein zu antworten. Aber dann be­griff sie, was er meinte, und fing laut an zu lachen.
Sie wollte eigentlich nicht lachen; sie wusste nur zu gut, dass Robert zwar gern Gegenstand harmloser, koketter Ne­ckereien war, aber es ganz und gar nicht mochte, ausgelacht zu werden. Aber sie konnte nicht anders. (…)Die Vorstellung, dass sie sich statt dieses aufwendigen emotionalen Prozesses einfach einen prätentiösen Holocaust-Film angesehen und drei Bier getrun­ken hätte, um dann in irgendein Zuhause mitzugehen, in dem sie ihre Jungfräulichkeit an einen Typen verloren hätte, den sie im Kino kennengelernt hatte, war so amüsant, dass Mar­got gar nicht mehr aufhören konnte zu lachen, hysterisch zu lachen.

“Cat Person” streift die #MeToo-Frage, die Story relativiert sich aber an den anderen Erzählungen des Buches. Wann die Texte geschrieben wurden, vor oder nach “Cat Person”, ist dem Buch nicht zu entnehmen. Man liest Märchen und viele Jungmädchengeschichten, bei denen oft die Girls noch nicht zu sich gekommen sind, noch in der Selbstfundungsphase sind, die – vielleicht Vorurteil – in den USA länger anhält als hierzulande. Viele wissen noch nicht, dass sie Frau geworden sind, wissen nicht, was tun. In der Geschichte “Der Junge im Pool” versuchen einige junge Frauen ihre Kindheit weiterleben zu lassen. Zum Junggesellinnenabschied (ein “Brauch”, den sich die Mädels in scheinemanzipatorischem Meinen aufgedrückt haben) von Tayler laden sie ihren Kinderschwarm, den Schauspieler Jared, ein. Der süße “Junge im Pool” wird als Überraschungsgast gekauft, er “tanzt immer noch wie ein Trottel”. Der Mann komt nicht mit. Und die Geschichte von Anna & Ted, hilflos:

Anna sackt vornüber. »Ich weiß nicht …e, sagt sie. »Ich dachte einfach, dass … « Sie setzt neu an. »Seit Wochen reden wir darüber, wie schwierig das für mich werden würde und welche Sorgen ich mir gemacht habe, alle wiederzusehen. Du wusstest ganz genau, dass ich nicht auf die Party wollte, aber dann hast du beschlossen, mit deiner neuen Freundin hier auf­zukreuzen, also musste ich auch kommen. Und dann war auf einmal Marco da, und das war supertraumatisch, und als ich nach dir gesucht und auf deine Unterstützung gehofft habe, sehe ich dich da in der Ecke, wie du mit Rachel Derwin-Finkel rummachst. Es ist einfach … unsere Beziehung hat sich ver­ändert, ich habe dich irgendwie verloren. Ich vermisse dich, Ted.«
Sie hat Tränen in den Augen. Ted hat sie nie zuvor so nie­dergeschlagen gesehen, und Anna sieht oft traurig aus.
»Warum sagst du denn nichts?«, fragt Anna schluchzend.
»Ich nehme mal an …«, antwortet Ted, »ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Unbeholfen nimmt er sie in den Arm. »Ich bin für dich da, Anna. Das weißt du doch.«
»Ich weiß«, sagt sie. Sie lehnt den Kopf an seine Schulter, und für eine Sekunde fühlt es sich an wie an jenem Abend am Lagerfeuer, das kurze Ausbrechen aus dem Teufelskreis: Marco verletzt Anna, Anna verletzt Ted, Ted verletzt Rachel, diese endlosen Zirkel von Versehrung und Eifersucht.
Anna sagt weinend: »Ich bin es so leid, all diesen Scheiß­typen hinterherzujagen. Ich möchte mit jemanden zusammen sein, dem ich vertrauen kann. Mit jemanden, dergut zu mir ist.«
Und Anna, die leuchtende, wunderschöne Anna; Anna mit ihren Grübchen, der glatten Haut und den Sommerspros­sen auf der Nase und ihrem hübschen, hübschen Haar; Anna, deren Duft ihn verzaubert; Anna, die ihn für all die anderen Frauen verdorben hat; Anna, für die er sterben würde; Anna, das beste Mädchen der Welt …
Anna küsst ihn.
Ich werde gut zu dir sein, Anna, denkt Ted und umarmt sie. Ich werde gut zu dir sein für den Rest meines Lebens.
Gib mir nur eine Minute, um mit Rachel Schluss zu ma­chen.

Manche Geschichten leben davon, dass sie die Grenzen des wohlanständigen Mädchenuniversums unschuldig tangieren. Kristen Roupenian erzählt in einfachen Sätzen und trifft dabei routiniert die Sprechweise des Milieus (was nicht für das Milieu spricht), klar, dass der Ausdruck zunächst an der Oberfläche bleibt. Nahezu jede Figur in diesem Buch verhält sich amoralisch, selbstsüchtig und zugleich genau so, wie es ihr von der Kultur aufgetragen wird. (Felix Stephan, SZ) Die „Kultur“ aber ist die US-Mädchenkultur. Wenig, was ich mir merken wollte. Bin auch das falsche Erzählziel.

2019            280 Seiten

4

 


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