Nachrichten vom Höllenhund


Koch
2. Februar 2022, 17:39
Filed under: - Belletristik

Ariane Koch:
Die Aufdrängung

Bin nicht ich es, die alles gesehen hat, obwohl sie blind spielt?

Aufdrängung, die. Das klingt nach belastend, unangenehm, in der Substantivierung könnte es auch ein Begriff aus der Psychiatrie sein, wie Übertragung, mehrdeutig, nicht recht greifbar. In Russland warnt man vor „künstlicher Aufdrängung von Homosexualität“. Die Aufdrängung kann auf ein Objekt, eine Person einwirken, aber auch von der Person als Instanz ausgehen. Negativ konnotiert ist beides.

Das Cover kann weiterhelfen. Ich sehe eine Frauen(?)-Hand, die sich auf ein Fell legt. Ein lebendiges Fell? Ein Tier? Von der Farbe her könnte es ein Esel sein, ein Wildschwein, Hand und Fell scheinen aber vertraut: also Hund. Drängt sich die Hand, drängt sich der Hund auf? Weshalb dann die – gesuchte (?) – Nähe.

Aber auch der Text lässt einen im Unklaren. Es gibt zwar Hinweise, vage Indizien, Ariane Koch entzieht ihnen aber sofort den Boden. Der „Gast“ hat ein Fell, aber er kann sprechen, er hat spitze Zähne, ernährt sich von Stubenfischen und Socken, er hat „Pinselfinger“, er beansprucht Platz im Haus, den der Hausmensch (Mann? Frau?) für sich haben möchte, er mischt sich ein, was sich für einen „Gast“ nicht gehört, lässt sich nicht vertreiben, nicht abwimmeln. Aber: Er wird als GAST bezeichnet.

„Das Ganze spielt sich ab in einer Kleinstadt im Schatten eines pyramidenförmigen Berges, in der alles klein und puppenartig ist und in der noch nie etwas Interessantes geschah. Die „Insassen“ verbringen ihr Leben auf ihren Sofas, die zum Sinnbild des Trägen, Faulen, schon halb Toten werden.“ (Nicole Seifert, ZEIT)

Der Gast liegt zudem ständig [auf dem Sofa] herum, als sei es dafür gedacht. (…) Morgen schon werde ich dem Gast befehlen, sich vom Sofa zu erheben, es hinauszutragen   und auf der Straße zur Mitnahme bereitzustellen.

Bedrückung, Angst, Obsessionen können durch fiktionales Schreiben materialisiert werden, man kann davon „erzählen“ und sich – vielleicht – davon befreien, es bewältigen oder doch zumindest etwas einhegen. Zur Psyche gehört aber das Soziale. Die Assoziation geht vom „Gast“-Arbeiter zum Flüchtling. Ariane Koch spricht von lumpiger Bekleidung, von Asyl, von Beherbergung.  Das alles bleiben Notwendigkeiten, der „Gast“ aber stört doch, er will sich nicht gehörig integrieren oder assimilieren.

Ich blättere in einem Parasitenbuch und erkenne den Gast in allen Exemplaren wieder. Ich lese, dass Parasiten — ganz im Gegensatz zu Löwen — ihre Opfer nicht verschlingen, sondern sanft ins Gemeinsame zwingen, ihre Wünsche   zu den Wünschen   des Wirts   machen, wahrscheinlich wie in einer Ehe. Es ist ein gemächliches Sterben. Vielleicht ist der Gast so sehr in mich übergegangen, vielleicht hat er seins längst zu meinem gemacht, dass ich gar nicht mehr den Gedanken   hegen könnte, mich gegen ihn zu wehren.Der Gast hat sich derartig in mir ein- genistet, dass ich — sogar wenn ich mich noch gegen ihn auflehnen wollen würde  — mich schlussendlich nur selbst zerstörte.  
Das ist das Letzte, was ich zu denken im Stande bin, bevor ich über dem Parasitenbuch in einen Schlaf sinke, der mir vorkommt, als wäre es nicht mein eigener.

Wer einen Gast möglichst loswerden will, dem ist zu empfehlen, ihn auszuhungern.  Die Esswaren in den Schränken müssen verschweißt und vakuumiert sein. Auf das Einkaufen muss fortan verzichtet werden. Die Vorratskammer ist mit einem Reigen an Schlössern azusperren. Der Gast wird — sobald er sich alleine wähnt — hungrig zu den Schränken marschieren, aber nichts Essbares vorfinden. Es wird sein Gemüt mit sofortiger Wirkung garstig machen. Jedoch wird er es sich keinesfalls anmerken lassen, denn er hat Dankbarkeit zu behaupten — muss durch und durch von ihr erfüllt sein —, die sich aus dem temporären Dach   über seinem Haupt, sprich: aus seinem erduldeten Aufenthalt, speist. Der hungrige Gast wird nach erster Missstimmigkeit sodann in eine Lethargie fallen, die ihn gefügig macht. Er wird am Tisch sitzen und mich aus ausgehungerten Augenhöhlen anblicken. Was immer ich ihm befehle, empfängt er abwesend nickend. Er sagt und wirkt dabei, als wäre er vollends des Wahnsinns: Ich ernähre mich zunehmend gesünder und werde zunehmend   kränker. Es ist Zeit, wieder mit dem Trinken anzufangen. Bin ich ein Fisch, der am Ufer strandete? Erst wenn mich jemand mit Flüssigkeit begießt, erwache ich zum Leben.

   Dann bricht der Gast in Gelächter aus.

   In der Nacht, als der Gast in seinen albtraumigen Schlaf gefallen ist, messe ich seines Gebisses Umfang.

Es kann natürlich sein, dass der „Gast“ nur das schlechte Pendant zur Erzählerin ist, ein eigensinniger Avatar, der nur solange benötigt ist, bis man mit seinem anderen Ich wieder fusionieren kann. Die eine ist ohne die/den andere/n nicht denkbar. Sie hängen aneinander. Das Auseinanderfallen wie auch die Kongruenz sind ge- und erträumt. Auch der Traum lässt sich erzählen und bildet das Gegengewicht zum rationaleren All-Tag. Wenn beide übereinstimmen, wenn sie sich angleichen, ist man erwachsen. Wenn’s gut geht. „Das Leben ist ein Abgleichen mit Bekanntem.“

Der  Gast wirke zwar klein, würde aber immer  größer werden, so dass alle zehn Zimmer  vonnöten  seien, ihn zu beherbergen, und somit müsse vorerst vertagt werden, dass sie — also meine werten Geschwister — ins Haus einziehen könnten, falls dies der Grund für ihr Auftauchen sei, auch wenn mir die Dringlichkeit sehr wohl bewusst wäre, schließlich hätten sie Schatten oder besser gesagt Kinder, die diese Dringlichkeit untermauerten, aber genauso oder fast noch mehr verdringliche auch der Gast das Wohnen  in diesem Haus. Er sei damals in Lumpen gewickelt und ohne jede Lebensfreude an meiner Tür kratzen gekommen, und so hätte ich mich dazu erbarmt, ihm temporäres Asyl zu gewähren, bis er die Lumpen wieder in anständige Tücher verwandelt hätte oder irgendwo ein wenig Lebensfreude fände, was leider bis jetzt noch nicht der Fall gewesen sei. Der Gast sei ja — wie ihnen sicher nicht entgangen sei — noch immer eine geradezu erbärmliche Gestalt, so dass ich sie inständig bitten würde, ihre ganze Menschlichkeit zusammenzunehmen und den Gast und auch meine Wenigkeit noch etwas im Hause hausieren zu lassen, wir beide würden es ihnen herzlich danken.

Wenn jedoch ein Gast, ohne den das universelle Gleichgewicht und das Haus zusammenbrechen würden, sich zu gehen entschließt, so ist durchaus in Erwägung zu ziehen, ihn aufzuhalten. Und wenn ein solcher Gast nun den Türgriff zu betätigen versucht, so ist es allenfalls angebracht, seine Pinselfinger in Gegenrichtung der Gelenke von der Klinke zu reißen, so dass er verschreckt aufschreit. Wenn ein Gast, den man gewaltsam aufzuhalten sich aus der Not heraus entschieden hat, sich loszumachen versucht, so ist es nötig, sich an ihn zu hängen.

Vielleicht spielt Ariane Koch bloß. Vielleicht hat sie Spass am Flirren der Existenz(en). Es gibt Vorbilder. Tiere werden zu Menschen und umgekehrt. Franz Kafka oder Bruno Schulz. (Vgl. Evi Fountoulakis, ‎Boris Previsic: Der Gast als Fremder: Narrative Alterität in der Literatur). Ariane Koch bebildert das Genre, alle Versatzstücke aus Psychologie, Politik, Pädagogik tauchen auf, Begriffe, Symbole, Metaphern verwirbeln sich in einer Traumerzählung. Den Gast sieht die als „Projektionsfläche“. „Sprachlich flankiert ist die Lakonie von einem gewissen Hang zum leicht verschrobenen, doppelbödigen Vokabular zwischen schweizerischem Idiom, Spaß am Antiquierten und vielen Kafka-Anspielungen.“ (Miryam Schellbach, SZ)

Am Schluss zieht die Erzählerin weg „aus dieser Kleinstadt, in der man dich töten will“. „Wir fahren immer weiter, die Sonne geht unter, die Straßen werden dunkler, ich bin die Letzte, die ihr Gepäck aus der Ablage hievt.

2021 – 170 Seiten

Leseprobe beim Suhrkamp-Verlag

Ariane Koch liest aus ihrem Roman Die Aufdrängung


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