Nachrichten vom Höllenhund


Zukunftsmusik
11. Oktober 2022, 17:43
Filed under: Theater

Anna Jelena Schulte : Zukunftsmusik
Inszenierung : Antje Thoms

Zukunftsmusik: „Etwas, dessen Realisierung noch in einer fernen Zukunft liegt, was noch als utopisch angesehen werden muss“ (Duden) – Aber das bringt hier auch nicht weiter.

Zukunft. Nein Musik. Alt
Es kommt ein Komponist aus der „Zukunft“ (ein „Zeitreisender“). Was er im Hier und Jetzt will, erschließt sich nicht. Er wähnt, „unter uns“ zu sein und beschließt, „unter uns“ zu bleiben. Ohne ihn wären wir verloren. Über die Phase der ihm zugestandenen „Inspiration“ kommt der Komponist nicht hinaus. Es wird viel gesungen, aber nicht aus der Zukunft, sondern aus der Jetztzeit, inspiriert von vergangenen Jahrhunderten. Schön, der Dreigesang. Dekorativ. Domhäher.

„Regensburger Wahrheiten“ – titelt das Theaterprogramm – und liegt damit nicht nur geografisch völlig daneben. Das „Auftragswerk“ von Anna Jelena Schulte stellt sich universaler auf. Die Autorin hat sich in die Köpfe (von „Social-Media-Stars, Forscher*innen und Traditionsunternehmer*innen“) hineingefragt und ist auf „Liebe und Apokalypse, Erlösung und Zerfall“ gestoßen. Wenig Wahrheiten, beiläufiges Brimborium.
Chi­chi.

Regensburg ist überall und damit nirgends.

Nachdem sich der Erweckungskomponist (Thomas Mehlhorn) etwas albern auf die Bühne bemüht hat, können die DREI EINAKTER DES LEBENS ihren Ausgang nehmen. Hehrer Stoff: Beerdigung, Hochzeit, Taufe. Anna Jelena Schulte treibt’s immer wieder mit ihrer pseudoreligiösen Symbolik. Schon der Komponist ist ja von irgendwann und irgendwo zu uns gekommen, um uns – und sich – zu erlösen von den Übeln des Zeitgeists.

BEERDIGUNG. Die Info zum ersten Akt endet mit den Fragen: „Was ist passiert und was haben sich die Generationen zu sagen?“ Meine beiden Antworten: Wenig, wenn es aus dem Stück erschlossen werden soll. Die erste Szene zieht sich überdehnt durch den Wald. Drei „Regensburger Originale“ (Im Ernst? Wer hat das der Autorin eingeflüstert?) vergraben eine junge Frau, die sie meinen erschossen zu haben. Lokal: Michael Heuberger plappert bairisch.

Die HOCHZEIT könnte ein Fest sein, wenn sich die Akteur:innen nicht goldene (Gold ist das hippe Rosa.) Brillen aufgesetzt hätten. Hochaktuell, weiß Sascha Lobo (geht auf die 40 zu): „Was nach dem Smartphone kommt, ist: eine Brille“. Wo das virtuale Blendwerk überwuchert, ist die echte (?) Realität nicht mehr zu ertragen. Das Brautpaar und seine Zeugen sind deshalb mit den Füßen in Schistiefeln am Bühnenboden festgeschraubt und wiegen sich im Meta-Glück. Als die Energie ausfällt, reißen sie sich die Brillen ab und werden von der „Analogikerin“ Katharina Solzbacher mit einer Bußpredigt aus ihren verklärten Visionen gerissen. Ja, das soll auch in Regensburg geschehen. Als Beiwerk treten noch ein paar skurrile Hochzeitsgäste auf: Bienenköniginverehrer oder Ameisenmenschen?

TAUFE: Kinder dominieren die Bühne. Keine kleinen, sondern ein Mix aus den vorhandenen Spieler:innen. Kinder sind qua Alter der Zukunft zugewandt, die letzte Generation auffällig rigoros. Wer sich weigert, sich für eine – was auch immer – Zukunft zu engagieren, wird zwangsbekehrt, wird verpflichtet, in den „Chor“ der Kinder einzutreten und sich dafür taufen zu lassen. Auch das ist wieder schön anzusehen, wie die Alten als Kinder wuseln, murmeln, singen, sich echauffieren, alles unter Anleitung der Chorleiterin Natascha Weigang. Regensburg sehe ich hier als Rückprojektion, als Kamerafahrt über die Platzfolge, die im Wasser des Wehrs endet, also im Taufwasser. Der Täufling Guido Wachter taucht ein, wieder auf und lässt seinen ganzen Frust über die infantilen Zwangszeremonien in einer Suada auf die Segnungen des unregulierten Alltagslebens von der Seele. Aber ist das lustige Treiben nicht eine Veräppelung des „heiligen Ernstes“ der jugendlichen Engagements für Klima/Umwelt?   

WAHRHEITEN verspricht das Theater programmatisch und ganz im wishy-washy-Slang der Zeit. Aus der „Zukunftsmusik“ kann man sich eine/seine „Wahrheit“ herauspicken, wenn man denn nach Haltepunkten sucht oder sich auf solche angewiesen fühlt. Weg mit den Schießern, weg mit den goldenen Brillenaffen, weg mit der penetranten Jugend. Alles aber auch andersrum und auch nicht ernst gemeint. Das Stück verspielt die Themen, die Inhalte fransen aus, die Absurditäten verlieren sich in mangelnder Treffsicherheit. Ich versteh‘ oft nicht die Biene. Manchmal sehne ich mich nach den Jelinekschen Textflächen.

Ein bemühtes und gewundenes Bühnenstück, eine stimmige und einfallsreiche Inszenierung von Antje Thoms, fantasievolle Kostümierung und Bühne von Florian Barth, madrigaler Dreigesang Arno Waschk. Mit Zukunft hat das wenig zu tun, mit Regensburg noch weniger. Ein Abend, „der experimentelles Tun mit unredigiertem, erratischem Verrätseln verwechselt, das wenig sendet und noch dazu wahnsinnig selbstverliebt daherkommt. Und in etwa so aufregend ist wie ein leergetrunkener Bierkasten.“ (Christian Muggenthaler, Die deutsche Bühne)

Nicht alle Besucher wollten die „Zukunftsmusik“ bis zum Ende hören. Dennoch lauter Applaus, einige hörten sich auch gern trampeln. Wenn man für das Ensemble klatscht, meint man nicht unbedingt das Stück mit. Weshalb gibt es beim Theaterbeifall keine A- und B-Note?

Theater Regensburg – Aufführung am 2. Oktober 2022

Fotos: Pawel Sosnowski


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