Nachrichten vom Höllenhund


Caminito
14. Februar 2023, 16:58
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Giulia Caminito:
Das Wasser des Sees ist niemals süß

Ich rühre mich nicht und begegne dem Blick des Kindes, das ich war, es blickt mich an aus dem zersprungenen Spiegel im Bad und flüstert mir zu: Es gibt kein Zuhause für den, der kein Herz hat.

Das Zuhause ist oft nicht nur der Ort, wo man sein Herz hat, wo man sich geborgen fühlt, wo man sich sicher ist, dazuzugehören. Das Zuhause ist ein sozialer Platz, die Familie, die Freunde, mögliche Partner, Menschen, die man mag und die einen respektieren.

Gaia, das Mädchen, kämpft sich durch ihre Kindheit, ihre Jugend, die Schule, sie ficht um Freundinnen und Freunde. Sie kämpft, bis sie ihren Eingang ins Leben findet, bis sie die Position findet, in der sie Leben mag. Als sie nahe dran ist, als sie die Tür zu „ihrem“ Leben vor sich sieht, schafft sie es nicht durchzugehen. „Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet … bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Franz Kafka, der „Türsteher … vor dem Gesetz“. Gaia ist ein Mädchen, ein junges, aber wie bei Kafka ist es sie selbst, die sich den „Eintritt“ versagt. Sie kommt nicht „vom Lande“, sie ist in eine soziale Schichte, eine soziale Familienumgebung hineingeboren, aus der sie nicht herausfindet, aus der zu entkommen ihr niemand hilft. Und natürlich hat sie immer Angst vor dem, was eine hinter der Tür erwartet, Angst, den Anforderungen nicht zu genügen, und sie ist wütend auf alle und alles, was einer den entscheidenden Mut nimmt. Wütend also zu allererst auf sich selbst. Dazu kommt die Projektion, deren zentrales Objekt des Abreagierens die Mutter ist. Aber die Wut ist verschoben: Nicht die Mutter wird gehasst, die Person, die sie zum Lernen gedrängt hat, sondern die, die die eigene Schwäche thematisiert.

Ich besitze wenige Dinge, aber diese wenigen werden verhindern, dass ich meiner Mutter  ähnlich werde,   meiner Mutter, der  Übergangenen, der Arbeiterin, der Tellerwäscherin, er mit dem auf dem Flohmarkt gekauften  Leinenkostüm,  das sie angezogen hat, um zu scheinen, was sie nicht ist. Ich muss schnellstmöglich aufhören, das fehlerhafte Kind zu sein, und mich in eine Frau verwandeln, in die man sich verlieben kann. Diese Verwandlung kitzelt und lockt mich, ich stürze mich kopfüber in den krankhaften Wettbewerb der Körper und Blicke.

Sie sorgt dafür, dass ich mich ungenügend fühle, gescheitert, gefallen, mich fühle wie ein zerbrochenes Getriebe,  eine  um sechs Uhr früh stehengebliebene Pendeluhr, wenn es mittlerweile tiefe Nacht ist: von der Rolle, blöde, ich weiß nicht, wo ich suchen soll, ich weiß nicht, wen ich fragen soll, wie ich mich arrangiere, warum ich  mich nicht arrangieren kann, ich kann nur darauf warten, dass meine Mutter die Dinge arrangiert.

Mein Leben ist nicht ihr Leben, mein Leben ist meins, mein Leben steht mir zu, ich baue es auf, und ich zerstöre es, da reagiere ich, wie eine Marionette, die mitsamt dem Plankton vom Wal verschluckt wird, springe ich auf und strample, um ins Meer zurückzukehren, aufzutauchen, auf Sicht zu navigieren, ich werde dieser Behauptung nicht zum Fraß   vorgeworfen werden, ich werde nicht in ihren Schlund aus Lauten und Sätzen fallen. Wutentbrannt sehe ich sie an und stehe vom Stuhl auf, als ob mich etwas zwischen den Schenkeln gestochen hätte, das Stechen steigt hoch und kriecht in die Unterhosen, ich spanne die Pobacken an und versuche  es zu vertreiben, aber dieses unangenehme  Gefühl ist schon in meinem Innern, baut ein Wespennest: unser Leben, unsere Situation, unser Dach, unser Geschirr, unsere Zukunft, unser Einkauf fürs Mittagessen, unser Geld, das fehlt.

  Mein Leben ist nicht dein Leben, brülle ich lauthals, ich brülle aus meinem tiefsten Innern, aus meinem kleinen Ich, aus den feuchten Eingeweiden, und ich spüre, wie unser Boden sich auftut, Bäume abstürzen — Erdrutsche und Krachen —, mein Gesicht ist warm, die Haare elektrisch geladen, die Beine kribbeln, und da ist ein Wesen in mir, ein wütendes, niederträchtiges, das keine Selbstbeherrschung  mehr erträgt.

„Das Wasser des Sees ist niemals süß“ ist ein eindringlicher Roman über soziale Zugehörigkeit und – natürlich nicht nur – daraus resultierend psychische Deformationen. Gaias Familie lebt beengt in einer Kellerwohnung in Rom. Sie können die Wohnung gegen eine größere in einem „besseren“ Viertel tauschen und ziehen dann in eine Sozialwohnung in Anguillara Sabazia am Lago di Bracciano. Der Vater verbringt seit einem Arbeitsunfall sein Leben im Rollstuhl, der ältere anarchistische Bruder Mariano zieht bald aus, die kleinen angepassten Zwillinge – „und die Mutter Antonia, die so zupackend wie rücksichtslos alles zusammenhält. Ihre Tochter, blass, sommersprossig, dürr, soll nicht so enden wie sie, Bildung soll der Ausweg für Gaia sein. Doch die erkennt früh, dass Talent und zwanghafter Fleiß nicht ausreichen, um mitzuhalten – wenn man kein liebes Mädchen sein will, den filzstiftgrünen Pullover des Bruders aufträgt und sich kein Handy leisten kann. Konfrontiert mit Herabsetzungen, Leistungsdruck und Orientierungslosigkeit verwandelt sich Gaias stumme Verletzlichkeit in maßlose Wut, die sie zunehmend Grenzen überschreiten lässt“. (Klappentext) Vielleicht hat sich Gaia das falsche Rollenmodell ausgesucht, vielleicht ist sie ein starkes Mädchen, wie wir es noch immer kaum gewohnt sind.

Für Gaia gibt es nur zwei Momente der relativen Zufriedenheit: als sie am Schießstand des Jahrmarkts einen großen rosa Bären gewinnt. „Ich will den Preis, sage ich und strecke die Arme aus. Ich bin bereit, die ganze Welt zu umfassen, das ganze Universum.

  Sie dreht sich mühsam um und holt den zwei Meter großen Bären aus der Bude, sie verschwindet hinter ihm, sie weiß nicht, wie sie ihn mir übergeben soll, ich weiß nicht, wie ich ihn annehmen soll, er ist fast doppelt so groß wie ich, er ist eine belebte Figur, ein Koloss. Sie setzt ihn vor mir am Boden ab und sagt: Gratuliere.“ Und bei der Feier ihres Abiturs am See. „Ich hüpfe im Wasser herum und löse die Haare, ich schüttle sie, ich habe straffe Schenkel und zierliche Waden, ich bin blass, und die rote Mähne sieht aus wie ein Blutfleck vor dem Himmel, all diese unerwartete Schönheit fließt in meinen Adern, die Freude, bekommen zu haben, was ich wollte, ohne mich verbiegen zu müssen, ohne mich zu prügeln, ohne zu stoßen und die Ellbogen einzusetzen, jetzt habe ich etwas, womit ich prahlen kann, und die Gewissheit, dass ich gefalle, jedem, der mich ansieht, gefalle ich sehr.“

Doch auch in diese Momente der Euphorie mischt sich das Unvermögen, mit den eigenen Emotionen umzugehen. Das Hochgefühl muss herausgeschrien werden und wirkt in der Übertreibung unecht, verrät die Unsicherheit. „Es ist süß, es ist zuckersüß, dieses Wasser, dieser Sumpf, es hat den Geschmack von Kirschen, von Clementinenmarmelade, von Marshmallows, das Wasser des Sees ist immer süß, brülle ich aus Leibeskräften.
  Und noch einmal: Das Wasser des Sees ist immer süß. Brülle ich aus Leibeskräften.

Im Literarischen Quartett des ZDF entwickelt sich ein heftiges Scharmützel zwischen Vea Kaiser, die den Roman vorstellt („ein großartiger Roman“), und Deniz Yücel, Sprecher des PEN Berlin. Yüzel, aufgebracht: „Dieser Roman ist wirklich schlecht … Dieser Roman ist keiner, er erzählt nämlich nicht“. Er zitiert Beispiele, wie ein 15-jähriges Mädchen nicht denkt und redet: „Meine Eltern haben schon seit langer Zeit keinen Sex mehr. Sie sind sich ferner denn je und dabei Partisanen ihrer identischen und doch gegensätzlichen Schmerzen.“ Yüzel: „Das ist manieristisch, das ist gewollt, das ist bemüht.“ Aber hier erzählt kein junges Mädchen, hier erzählt eine Frau, die Philosophie studiert hat, die aus ihrer jetzigen Position zurückblickt, die Verhältnisse überblickt. Das ist die Leistung des Romans: das Springen zwischen Perspektiven, zwischen Zeiten. Der Rückblick weitet sich vom innerfamiliären Gewurschtel über die prä-pubertären rosa Groß-Bären-Abenteuer und die frühen Freund:innen-Geplänkelgymna zu Elementen der Einordnung und sozial-politischen Auseinandersetzungen. Giulia Caminito erzählt viel und detailliert und nahe an den Personen, vieles aus dem all-täglichen Erleben, viele genaue Beobachtungen aus den Körpern, den Wohnungen, aus den Dörfern, vom See. Die große Welt wird karg angedeutet, der Bruder, der sich als Anarchist fühlt und an den G8-Protesten in Genua teilnimmt, 9/11 als Zeitmarke. Gaia steht als Erzählerin außerhalb und fühlt sich doch in die Protagonistin (hin)ein. Ihre Sprache schöpft die Bilder aus dem Empfinden der Person. Diese Ambiguitäten scheint Yüzel nicht zu verstehen. Im Nachwort schreibt die Autorin: „Dies ist keine Biografie, keine Autobiografie und auch keine Autofiktion, es ist eine Geschichte, die sich Bruchstücke vieler Leben einverleibt hat in dem Versuch, aus ihnen eine Erzählung zu machen, die Erzählung jener Jahre, in denen ich aufgewachsen bin, der Schmerzen, die ich nur umschifft habe, und denen, die ich durchlebt habe.“

Was ich jahrelang gemacht habe: mir den Klatsch über den Hausmeister der Schule anhören, der die Schülerinnen angafft, den über die hässlichen schnurrbärtigen Zwillinge, die immer zu zweit unterwegs sind und sich den albanischen Freund teilen, über den Tankstellenwart, der das Benzin mit Wasser streckt und deshalb billiger verkauft, über das Mädchen, das im Ausland Internationales Recht studiert hat, aber Unglück bringt und die Geliebte eines verheirateten Mannes ist, über den Typen, der junge Mädchen  schwängert und sie dann sitzenlässt und nicht einmal die Namen  seiner Kinder kennt, über die Kellnerin in der Bar, die magersüchtig  geworden ist und bei der man schon die Wangenknochen  sieht, über die beiden Heranwachsenden, die auf dem Motorroller verunglückt sind, ohne Helm und an einem Regentag, darüber, wie fett die geworden ist, die mal die Schönste im Ort  war — du heiratest sie, und dann lassen sie sich gehen, legen am   Arsch zehn Kilo zu —, den Klatsch über meine  tote Freundin, die sich erstickt hat, sich erstickt hat, die sich erstickt hat, deine Freundin, deine tote Freundin, die sich erstickt hat, immer alles in der Hoffnung, dass nicht ich als nächste dran bin.

   Was ich jahrelang gemacht habe:  auf Revolutionen warten, auf Lawinen, Kettenreaktionen, die zuletzt   meinen Aufstieg bewirken, die Eröffnung unendlicher Möglichkeiten.

   Was ich jahrelang gemacht    habe: bleiben, wo ich war, selber Ort, selbe Zeit, selbe Rolle, selbes Gesicht, und darauf warten, dass ich volljährig bin, so wie man auf das Eintreten einer Prophezeiung wartet, das Aufziehen   eines Sturms, den Fall einer Mauer.

Das Cover zeigt ein entflammtes Zündholz zwischen en Lippen einer Frau, darübermontiert: Tropfen. Dazu noch einmal Yüzel: „Das Cover steht sinnbildlich … Ein Streichholz, das man so hält, wie eine Zigarette, Wasser auf dem Gesicht, aber ein Streichholz mit Wassertropfen!?“ Er sieht die Widersprüchlichkeit, erkennt darin ein „Sinnbild“, versteht aber nicht, dass dieser Antagonismus den Zwiespalt der Person reflektiert, die schnell entzündbare Wut und die moderierende Wirkung des Wassers. Das ist die Normalität des Lebens. (Übrigens: Auf dem Original-Cover sitzt eine junge Frau nachdenklich auf ihrem Bett, die Füße stehen im verschmutzten Seewasser – Fische eingeschlossen, das den Fußboden bedeckt. Ein leichter zu deutendes Symbol, das die soziale Komponente betont.)

Man kann sich über Gaia ärgern. Alle und alles sieht sie gegen sich verschworen. Der soziale Aufstieg, den sie sich erlernen wollte, gelingt nicht, weil sie sich am Schluss das falsche Studienfach wählt, das keine Berufsperspektive öffnet.

Luciano hat keine seiner Aufgaben erfüllt, er ist blass, still, leblos gewesen, er hat mir keinen Glanz verliehen, wenn überhaupt nur sehr selten, er hat meinen Status nicht erhöht, hat mich nicht an seinem Reichtum teilhaben lassen, ich bin die ganze Zeit über geblieben, wo ich war, keinen Millimeter vor und keinen zurück.

Ich habe mir ein Gymnasium für Reiche ausgesucht, das ist eine Sanktion, ein tiefer Schnitt, ein Erstickungsversuch. Ich habe mir eine schwierige Schule ausgesucht, an der tote Sprachen unterrichtet werden, und ich sage mir, ich hätte das wegen meiner Freundinnen getan, sie gehen dorthin und ich auch, aber die Wahrheit ist, dass ich eine ganz, ganz winzig kleine Sache in mir trage, eine Eichel, ein Insekt, und das ist die Stimme meiner Mutter, der ich beweisen muss, dass ich etwas tauge.

 Dieses Wir, das dort unsichtbar im Raum steht, beherrscht mich, erschafft für mich Luftschlösser und Sümpfe.

Radiogeschichten „Das Wasser des Sees ist niemals süß“ von Giulia Caminito. (DLF)

Giulia Caminito racconta L’acqua del lago (italiano)

Verständnisloser Deniz Yücel – Gespräch im Literarischen Quartett des ZDF (10 Minuten)

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Ginzburg
6. Juni 2022, 17:46
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Natalia Ginzburg:
Die Stimmen des Abends

»Wie du ruhig bist!«, sagte er. »Du weinst nicht; du sagst alles ganz ruhig!«
  »Und ich«, sagte er, »was werde ich machen?«
  »Du wirst das machen, was du immer gemacht hast«, sagte ich.
  »Und du?«, sagte er, »was wirst du machen?«
  »Auch ich«, sagte ich, »werde das machen, was ich immer gemacht habe.«
   »Wie ruhig wir sind!«, sagte er. »Wie ruhig, kühl und friedlich wir sind!«
   »Ich hoffe«, sagte er und ringelte seine Haare um den Finger, »dass du eines Tages einem besseren Mann als mir begegnest.«

So viel Gleichmut muss man sich erstmal einreden. Wer sich Ruhe, Friedfertigkeit und Coolness zuspricht und dabei mit seinen Locken spielt, betont nicht weint, der wird ganz schön erregt sein, wird die innere Unruhe mit Mühe bezähmen. In dieser Gelassenheit, die sie  Elsa verleiht, „liegt Natalia Ginzburgs pessimistische Gesellschaftsdiagnose, auf die der Roman hinausläuft. Denn die Geschichte, die er erzählt, stellt nichts anderes dar als den Verfalls- und Zerrüttungsprozess sozialer Strukturen, den das   moderne Dogma des Individualismus mit sich bringt. Die Institution der Ehe, vor der Tommasino aus schierem Energiemangel zurückschreckt, ist nur das sichtbarste Beispiel einer weitreichenden Aushöhlung verbindlicher Lebensformen.“ (Ursula März, Nachwort) Die Protagonist:innen scheuen das Wort „Liebe“, Liebe macht abhängig, und man will selbst entscheiden. Das ist natürlich Einbildung. Es ist nicht nur die Mutter, die Elsa mit ihren dauernden Vorhaltungen nervt, sie müsse endlich heiraten, egal wen. „Für Elsas Mutter, die in anachronistischen Modellen denkt und nach ihnen handelt, zählen Vernunft und Pragmatismus mehr als Liebe und Träume. Für Elsa aber, die mit einem Fuß bereits in der Moderne steht, zählen Gefühle.“ (Ursula März) „DIE BESITZER der Fabrik sind die De Francisci. Den alten De Francisci nannte man den alten Balotta. (…) Wir wohnen seit vielen Jahren im Dorf. Mein Vater ist der Notar der Fabrik. Der Advokat Bottiglia ist der Verwalter der Fabrik. Das ganze Dorf lebt von der Fabrik. Die Fabrik stellt Stoffe her.“ Die Fabrik macht nicht nur Gestank, „es ist ein Geruch, der manchmal an angefaulte Trauben, manchmal an geronnene Milch erinnert. Es gibt kein Mittel dagegen, sagt mein Vater“, die Fabrik bestimmt auch das Sozialgefüge des Dorfes. Wo und wie man wohnt, wen man kennt und wen man besucht, wieviel Geld und Freiheit man hat oder sich nehmen kann. Das Dorf weiß alles. Zwischen den 1950er- und den 1970er-Jahren kommen Zweifel an der Erzählung der Alten auf, hält man die alten worte für hohl, sucht eine neue Sagensweise – zieht es die Jungen in die Stadt.

»Wie schwer ein Dorf auf einem lasten kann!«, sagte er.
   »So schwer wie Blei, mit all seinen Toten!  Unser Dorf ist so klein, eine Handvoll Häuser, und doch lastet es so schwer auf mir. Ich kann mich nie von   ihm befreien. Selbst wenn ich nach Kanada gehe, schleppe ich es mit mir.«
   »Wenn du ein Mädchen aus einem anderen Dorf gewesen wärst!«, sagte er. »Wenn ich dir in Montreal oder anderswo begegnet wäre und dich geheiratet hätte! Da hätten wir uns frei und leicht gefühlt, ohne diese Häuser, diese Hügel, diese Berge! Frei wie ein Vogel hätte ich mich gefühlt!«
   »Aber wenn ich jetzt mit dir nach Kanada ginge«, sagte er, »so wäre alles gleich wie hier. Wir würden nichts Neues finden. Wir würden fortfahren, vonVincenzino, Nebbia und Purillo zu sprechen. Es wäre gleich wie hier.«

Elsa fährt mit Tommasino, dem Balotta-Sohn, zwei Mal die Woche in die Stadt, wo er ein Hotelzimmer gemietet hat. „Die Gespräche sind so trist, so umständlich und so vorhersehbar einfach wie das Leben. „»Wir haben unsere Gedanken begraben.« Die Stimmen des Abends ist eine Geschichte von Menschen, die versuchen, ihre Gedanken zu begraben, sich nur mit ihren Handlungen und ihren Worten zu identifizieren, und die sich zuletzt in einer Umklammerung von Absurdität und Schmerz wiederfinden.“ (Italo Calvino: Natalia Ginzburg oder die Möglichkeiten des bürgerlichen Romans) „Elsas Leben, dies lässt sich aus dem Gang der Dinge prognostizieren, ist zu Ende, bevor es überhaupt begonnen hat.   (…) Was er dem Leser mitteilt über Personal, Milieu und Handlung, transportiert er bevorzugt in wörtlicher Rede, ohne jeden auktorialen Kommentar, ohne inneren Monolog, ohne Beschreibung, ohne Illustrierung: (…) Sie reden über Dinge, welche die Menschen, denen die Stimmen gehören, persönlich nicht im Geringsten betreffen.“ (Ursula März)

Natalia Ginzburg mischt sich so in die Verhältnisse, wie es Schriftsteller immer tun, auch wenn sie nichts kommentieren. Sie ordnet an, fasst zusammen und lässt vor allem die Menschen sprechen, genauer gesagt: sagen. Das ist ihr einziges redeeinleitendes Verb und das macht das Sagen so lakonisch und das Gesagte oft scheinbar trivial. Dico solo.

1961 – 130 Seiten



del Buono
20. Juli 2021, 18:58
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Zora del Buono:
Die Marschallin

Ein familienhistorischer Roman. Zora del Buono begleitet das Leben ihrer Großmutter in Etappen von einigen Monaten bis zu wenigen Jahren, von 1919, der Erste Weltkrieg ist nur als politische Kapitulation vorbei, bis 1948, und da ist WK II noch stark in seinen Nachwirkungen zu spüren. Der Handlungsraum reicht vom stets umkämpften kleinen Ort Bovec im Nordosten des heutigen Slowenien, die deutschen und italienischen Namen Flitsch und Plezzo zeigen die Grenzregion an – bis zum süditalienischen Bari. Die Großmutter – auch sie heißt Zora, folgt ihrem Mann Pietro, der in Bari eine Professur für Radiologie antritt.

Zora Del Buono (das Del schreiben sie groß, um sich vom Adelsprädikat abzuheben) inszeniert sich als HERRIN der Villa mit 23 Zimmern und neun Bädern. Sie braucht Ordnung und sie verlangt Unterordnung. Das Haus ist von ihr durchgeplant und ausgestattet. Sie fährt nach Mailand, um Fliesen zu kaufen, sie arrangiert Fassaden und Zimmer und Möbel und Licht. Sie arrangiert aber auch ihre „Erscheinung“ und ihre Kinder, die sie als 1, 2, 3 einordnet.

Wenn er an Zora dachte, sah er sie stehend vor sich: stehend hinter dem Fauteuil, in dem Pietro saß und rauchte; stehend im Türrahmen zum Salon, niemals angelehnt; stehend im Gespräch mit ihren Söhnen im Garten; stehend neben dem Dienstmädchen, um die Speise, die das mehr oder minder verängstigte Mädchen brachte, kritisch zu begutachten; stehend im Sand unter einem Sonnenschirm, aufs Meer blickend, während sich die anderen Frauen auf Liegestühlen aalten und in Illustrierten blätterten (er war nur einmal mit am Meer gewesen, aber diese Szene hatte sich ihm eingeprägt: eine Frau, die den Schiffsverkehr im Auge behält und nicht die spielenden Kinder); stehend auf dem Schießplatz, wo sie Davide die Patronen reichte; stehend auf dem Rumpf eines Fischerboots im Hafen von Polignano, als sie eine Rede hielt.

Sie strahlt etwas „Aristokratisches“ aus, doch steht das in Widerspruch zu ihren politischen Präferenzen: Sie versteht sich als Kommunistin, will die Partisanen (auch mit Waffen) unterstützen, sympathisiert mit Togliattis PCI, verachtet die Schwarzhemden. Auch ihr Mann Pietro hat aus seinem Studium in Berlin linke Gesinnung mitgebracht. „Kommunismus ist Aristokratie für alle.“ (Motto) Höhepunkt für die Familie ist ein Besuch Titos in Bari, wo er sich von Pietro Del Buono behandeln lässt.

Auf der Galerie ein Hüsteln. Nino und Zora traten aus dem Dunkel nach vorne, Bruder und Schwester in seltener Eintracht, beide in Grün, er in Uniform, sie im Kleid. Zora legte die Hände auf das frisch polierte Messinggeländer. Sie lächelte.  Tito ging zwei Schritte Richtung Treppenaufgang, öffnete die Arme weit, als sei er ein Tenor, der zur Arie ansetzt. «Es ist mir eine Ehre, Gast im Haus einer Genossinder Volksbefreiungsarmee zu sein, einer grande signora mit humanitärer Gesinnung, mit Liebe für die Freiheit und das Vaterland.»  Alle atmeten wieder.

Faschismus und Krieg überstehen die Del Buonos relativ unbeschadet, weil der Arzt benötigt wird. Nach dem Krieg verkeilen sich die Verhältnisse, weil sich die Kommunisten nicht an die Ideale von Zora halten, weil der PCI die Familie als zu reich ausstößt. Pietro wird frühzeitig dement, Zora gerät in ein Altenheim nach Nova Gorica, wieder in Slowenien, aber im Rollstuhl, überlebt, unbrauchbar geworden. Der 1980 nachgetragene Text wechselt die Perspektive in Zora, die sich in einem langen Monolog an ihre Pflegerin Branka Blatnik wendet, dabei aber die Zeiten mischt, Personen und Ereignisse erscheinen in Sprung- und Splittergedanken, Lücken füllend und offenbarend.

Neben Zora Del Buono lernt man in den etwa 30-seitigen Kapiteln viele ihrer Umlaufpersonen kennen: Freunde aus Slowenien, Bekannte aus Bari, Hausbedienstete, den Schwiegervater Giuseppe, Bürgermeister der Gefängnisinsel Ustica nördlich von Sizilien, ihre drei Söhne, darunter Manfredi, der Vater der Autorin. Auf jeden der unterschiedlichen Charaktere fällt abwechselnd der Spot. Auch führen die anekdotischen Kommunikationen durch eine historisch bewegte Epoche. Aus der zeitlichen Distanz schrumpfen aber die Bedrückungen – und ich bin froh, dass ich mit den Auftritten der anstrengend resoluten, anziehenden, doch ungeliebten „Marschallin“ durch bin und fühle mich durch den Zeiten- und Perspektivensprung ein wenig erlöst.

Elke Heidenreich gerät außer sich: „So etwas Gutes wird selten geschrieben.“ Zu viel des Lorbeers, aber interessante Zeithintergründe, eine funkelnde Protagonistin und lebendiges Erzählen sind ja auch nicht schlecht

Er war von seiner Schwester  einiges gewohnt, sie exponierte sich mit ihren Gesellschaften, die sie gab, mit Vortragsrednern, die sie zu sich einlud, sie schien sich vor der Regierung nicht zu fürchten, es war, als ob sie unangreifbar wäre, als Kind hatte er oft gedacht, sie sei eine Hexe, die ihn beschütze, manchmal dachte er das heute noch (niemand würde eine Zora  Del Buono, geborene Ostan, verhaften, mit diesemGestus ging sie durch die Welt, und interessanterweise schien das jeder zu glauben). 

Das Resümee: „Sie wusste, sie stand auf der richtigen Seite der Geschichte. Doch die Entwicklung führt in eine andere Richtung.“

2020 – 380 Seiten

2-

Gespräch im SRF-Buchclub (11 Minuten)

„Buch der Woche“ mit Materialien Leseprobe und Links beim „Freitag“



Caminito
18. Februar 2021, 16:54
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Giulia Caminito:
Ein Tag wird kommen

Nicola und Lupo. Brüder – vielleicht. Die Familienverhältnisse in Serra de’ Conti sind nicht so, dass man die Stammbäume zuverlässig zeichnen könnte. Die Not ist groß im Dorf im Hinterland der Marken, die Mutter ist fast blind, der Vater ein Tunichtgut, die Kinder sterben früh, die Bäckerei der Ceresa arbeitet am Rande der Existenz. Der Pfarrer ist nicht nur fürs Heil der Seele da, Nella, die Schwester, wird ins Kloster gesteckt – und das gewiss nicht wegen ihrer Frömmigkeit.

Nicola ist der Schwache, er lernt lieber lesen als arbeiten, fürs Leben taugt er kaum, er zieht sich in sich zurück. Lupo, der Name gebietet es, ist der Kämpfer. Serra de’ Conti ist ihm zu eng, seine Wut führt ihn zu den Anarchisten, er will die Macht der Herren, des Staates, der Kirche wegbomben, er will ein rechtes Leben für alle. Nicola und Lupo, so unterschiedlich sie in allem sind, so sehr klammern sie sich aneinander, sie schlafen in einem Bett. Unter dem Bett liegt Cane, der kleine Wolf, den Lupo aufgelesen und an sich gebunden hat.

Um vier Uhr morgens kamen sie in ein verlassenes Dorf, nach drei Stunden Fußmarsch, die Nicola wie Tage erschienen waren, noch nie in seinem Leben hatte er sich so verausgabt, doch wenn er angefangen hätte zu weinen, wenn er angefan­gen hätte zu schreien, hätten sie ihn mit Fußtritten an die Front befördert, so hatte man ihm gesagt, entweder er spurte oder er war tot. (…)Ihr seid hier für Italien, hieß es immer wieder, ihr seid hier für Kalabrien und Sizilien, Ligurien und die Basilicata, Ancona und Rom, ihr seid hier für Männer und Frauen, ihr seid hier für die Kinder, die Neugeborenen, für die, die erst noch kommen, für die Straßen, die Kirchen, Paläste und Felder, ihr seid hier für das Land, ihr seid hier für den König. (…) Nicola war vorher noch nicht einmal in Senigallia gewesen.

Der Krieg reicht bis in die Marken. Die Österreicher fliegen Angriffe, Lupo muss sich verstecken, Nicola aber wird eingezogen, der sanfte Nicola. Wie alle leidet er, wie alle gerät er ans Ende seiner geringen Kräfte. Man hatte ihnen gesagt, dass der Feind, wenn es ihnen nicht gelänge, ihn zurückzuschlagen, in die Ebene und die Täler hin­untersteigen und schließlich in ihre Dörfer gelangen würde, er würde in ihre Häuser eindringen, jeder einzelne Österreicher und jeder Deutsche würden in ihren Betten schlafen.

Alle Körper werden bestattet, sagte der Kaplan immer, alle Körper, auch die zerfetzten, denn jedes Körperteil muss gesegnet werden.
Nicola ging näher hin, er roch den Gestank von Verbranntem und schmeckte die Säure des Gebräus, das er im Magen hatte und das ihm bis zur Zunge herauf aufstieß, von den beiden waren drei Arme geblieben, ein Fuß, ein halbes Gesicht, verstreute Knochen, vor allem aber Blut und alles, was aus dem Körper nie hätte austreten dürfen, das, was ihre Mütter in neun langen Monaten in Leber, Lunge und Darm verwandelt hatten und was der Krieg jetzt über Steine und Sträucher verstreut hatte.

Nicola überlebt, kehrt vom Heimaturlaub nicht zurück an die Front, schlägt sich zu Fuß durch in sein Heimatdorf. Lupo ist nicht mehr da, die Dorfbewohner werden von der Spanischen Gripe dahingerafft. Zur sozialen Not kommt die politische, der Krieg, und dann die Pandemie. „Der Krieg ging zu Ende, aber, wie die Priester sagten: Gott war noch nicht fertig mit ihnen.”

Das Kloster bietet ein gottverschriebenes Refugium. Für Suor Clara, die dunkelhäutige Äbtissin, die aus Äthiopien in den Norden geflohen ist, für Schwester Nella, für die Dorfbewohner, denen, wenn überhaupt, nur Gott geblieben ist. Das Kloster ist, wie der Name sagt, aber auch Klause, man kommt nicht mehr heraus, auch das Verhältnis zu den Dorfbewohnern ist ambivalent. Ein archaischer Ort, ein Relikt in einer Welt, die sich am modernen Nationalismus übt und dabei im Krieg versinkt. Nella hat keine Zukunft, Nicola überlebt und weiß nicht, wozu, Lupo will seine Anarchie in Amerika weiterentwickeln und landet im Treibsand der kapitalistischen Demokratie.

Ein Land ohne König, ohne Monarchie, ohne Tyrannen, ohne Papst und mit tausend Göttern, es war riesig, es enthielt alle und alles, es konnte dich verschlingen, aber auch deine Wunden lecken, so viele schon waren aufgebrochen, und so viele brachen noch immer auf mit der Vorstellung, den Lauf ihres Lebens zu ändern, den Krankheiten zu entfliehen, den Toten, den verfallenen Häusern, den müden alten Dörfchen, die an den italienischen Berghängen klebten und das Andenken an längst begrabene Mütter bewahrten.
Die Spanische Grippe forderte weiterhin Tote, der Krieg hatte nur Luft geholt, der Faschismus würde kommen, das Große Amerika würde Unschuldige auf den elektrischen Stuhl schicken, die Anarchie würde sich verstecken müssen, schuldig, verleugnet, verpönt und erinnert nur durch Bomben und Attentate, der Glaube würde zusammenbrechen, leer, falsch, elend, denkbar nur als Zepter, Krone und Inszenierung.
Die Halbpacht dagegen würde noch lange fortbestehen, und die Felder und die Weinberge, die Nussbaumhaine und die Eicheln und das Mehl würden in den Marken noch lange herrschen.
Denn, wie man weiß: Die Erde bleibt, während die Menschen fortgehen.


Giulia Caminito kokettiert im Nachwort mit derFiktionalität, die Nähe nicht ausschließt.
Trotz gründlicher Recherchen, der Sichtung von Dokumenten, der Besuche vor Ort, gibt es in diesem Roman nicht nur einige Wahr­heiten, sondern auch viele Lügen.

Ich möchte die Leserinnen und Leser also dazu ermuntern, nicht alles zu glauben und von diesen Seiten keine verlässliche historische Zeugenschaft zu erwarten, sie haben andere Wurzeln, auch meine, durch die ich versuche, mich selbst kennenzulernen und zu wachsen; denn im Grunde bin ich Nicola Ceresa, derjenige, der Angst hat und im Kopf nicht ganz richtig ist, dem die Hände zittern und der auf Lupos schaukelnden Nacken blickt, während er die Dorfstraße hin­untergeht.

Die Erzählung beschwört die Archaik des ländlichen Italien Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie lädt ihren Roman mit gewichtigen Worten und einer ruralen  Metaphorik auf. “Das Bett war zu schmal und zu kurz geworden, Laken und Decken reichten nie aus, und um es beim Schlafen warm zu haben, mussten sie beide eng aneinandergeschmiegt schlafen wie die zwei perfekt zusammenpassenden Hälften eines nie gepflückten Apfels.

Lupo fühlte, wie sein Körper größer wurde und sich streckte, anders wurde, als er immer gewesen war, und für ihn ungewohnte Dinge tat, er ächzte wie ein mit Wasser vollgelaufenes Boot, bereit zu kentern, die Planken zu sprengen. (…) Lupos Schultern waren Gebirge geworden, der Körper hatte sich zu den Wolken gestreckt, die Arme waren mächtiger, beim Gehen riss er mit Gewalt das hohe Gras an den Wegrändern aus, und Nicola hatte Angst, er könne sich verletzen, könne anfangen zu bluten wegen all des Grolls, den er im Lauf der Jahre still eingesteckt hatte, wie man es mit reifem Weizen tut.“

Die Abschnitte bestehen aus einem Satz, kein Punkt hält den Lesefluss an, wenig Zeit, um Atem zu holen, der Leser wird hineingezogen in den Strudel der Geschichte.

Wüstes Gestrüpp umzingelt die Stadt,
auf Stufen voller Blut verfolgt der Mond
entsetzte Frauen. Heulend sind durch
das Tor die Wölfe hereingekommen

Ausführliche Inhaltsangabe von Dieter Wunderlich

Istituto Italiano di Cultura Berlino :
Incontro con l’autrice Giulia Caminito – Lesung (deutsch) und Gespräch (italienisch/deutsch)

2019 – 265 Seiten

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Melandri
14. Januar 2019, 18:20
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Francesca Melandri: Alle, außer mir

melandrialleAls Ilaria in ihre Wohnung auf dem Esquilin heimkommt, steht ein Mann vor ihrer Tür. Was nichts Besonderes wäre, wäre dieser junge Mann nicht schwarz und würde dieser Mann nicht behaupten, er heiße Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti. Er dokumentiert diesen Namen mit einem Personalausweis. „Unter dem Schriftzug ETHIOPIA stehen sechs elegante Buchstaben, ganz rund, schräg und verschnör­kelt. Ilaria klappt ihn auf Auch hier ist alles in zwei Schriftar­ten geschrieben. In lateinischen Lettern steht dort: SHIMETA IETMGETA ATTILAPROFETI.“ Ilaria ist verblüfft, denn Attilio Profeti heißt ihr Vater, der junge Schwarze. “Wenn Attilio Profeti dein Vater ist, dann bist du meine Tante.” Ilaria geht zu ihrem Halbbruder, der gegenüber wohnt und auch Attilio Profeti heißt.

Aus dieser Einleitung könnte man eine Novelle machen, doch Francesca Melandri entfaltet eine Epoche. Die Epoche einer italienischen Familie in der italienischen Geschichte von 1915 bis 2010. 2010 ist das Basisjahr, von dort aus wird zurückgeblickt, dorthin kehrt der Roman immer wieder zurück.

Ilaria (die “Fröhliche”) hat zwei Brüder, Emilio und Federico, sie erfährt eher beiläufig von einem Halbbruder und jetzt ist der junge Schwarze da, der behauptet, der Sohn eines weiteren Halbbruders zu sein. Sein Vater sei das Kind des Patriarchen Attilio Profeti, gezeugt und geboren von seiner Mutter Abeba (die “Blume”) in Äthiopien. Attilio kann dazu nicht mehr befragt werden, denn er ist in seinen 90ern und dement. Ilaria ist auf sich selbst gestellt und sie weiß die Autorin Melandri auf ihrer Seite. Melandri lässt Ilaria Fotos und Dokumente finden, sie selbst hat ausführlich recherchiert, um ihre Fiktionen historisch abzusichern.

„Alle, außer mir“ ist ein Familienroman. Der italienische Titel lautet „Sangue giuosto“, das „richtige Blut“. Wer gehört dazu, zum Blut des Attilio Profeti, wer hat das richtige, das „italienische“ Blut? Eine Frage der „Rasse“. Das Kind, das Viola

in die Welt gesetzt hatte, das schön war wie eine Frau und muskulös wie ein Ath­let. Der einzige Mensch, der sie mit seinem Lachen eines jungen Gottes ihre mittelmäßige Existenz für einen Moment vergessen ließ. Die umfassende Nachsichtigkeit, mit der die Mutter jede Verfehlung Attilios hinnahm, die ekstatische Begeisterung über seine Erfolge, die unreflektierte Art, mit der sie ihn gegenüber Otello bevorzugte, kurz die apokalyptische und ein wenig ver­zweifelte Liebe, die Viola ihrem Jüngsten entgegenbrachte, war unverbrüchlich mit ihrer brennenden Verehrung der faschisti­schen Revolution und vor allem der Person des Duce verbun­den.

Später wird Attilio sich den Schwarzhemden anschließen und in Abessinien seine theoretische und praktische Rassenkunde fortsetzen. “Auch hat sich die Einschätzung bestätigt, dass die schwarze Frau geistig unterlegen ist, was oftmals an schiere Schwachsinnigkeit grenzt. Bei ihr verliert die weibliche Haltung viel an menschlichen Zügen und nähert sich im Ge­genzug sehr stark dem Tierischen”, schreibt er ins Vorwort eines Buches über Anthropometrie. Ilaria findet Fotos daraus über “Rassemerkmale” in ihrem “Erdkundebuch aus dem Gymnasium. Kapitel Men­schenrassen” .Sie “liest auf der Rückseite des Buches: >Gedruckt 1971< Ich habe es ein paar Jahre später benutzt.” Attilio nutzt sein “attraktives Äußeres” – ein “Prachtexemplar des Faschismus” – dazu, sich eine 17-jährige Schwarze als Frau zu nehmen, die er verleugnet, als er wegen “Rassenschande” verurteilt werden soll. Ansonsten hat er einen Posten als Zensor der Soldatenpost aus Abessininen in die Heimat. Francesca Melandri kann aus diesen Karten zitieren und zugleich die Mechanismen der Faktenmanipulation in Zeiten des Krieges demonstrieren.

In ihrem Roman schneidet Melandri viele weitere soziale, politische und historische Themen an. Das reicht von der Gentrifizierung der Piazza Vittoria in Rom bis hin zur brutalen Kolonisierung Abessiniens. Ausführlich wird von den Gräueln der faschistischen Italiener erzählt, von den Senfgaseinsätzen, dem Abschlachten beliebiger Menschen schwarzer Haut, von der Versklavung der Männer und – auf andere Weise – der Frauen und der verblendeten Ideologie, mit der man die Barbarei zu rechtfertigen versuchte.

Ansonsten war es ein Kinderspiel, mit Maschinengewehren Gegner niederzumähen, die mit Keulen und Stöcken und aller­höchstens Pfeil und Bogen bewaffnet waren, die wenigen, die den Ansturm der Askaris überlebt hatten. »Wenn von hundert Abessiniern neunundneunzig tot sind«, schrieb Attilio seiner Mutter Viola, »marschiert der letzte noch weiter. Das kann man nicht einmal mehr Mut nennen, sondern nur noch tierischen In stinkt. In diesem sinnlosen Handeln steckt nichts Edles, nichts Heroisches. Es hat nichts gemein mit dem Opfer, das unsere Soldaten bringen, wenn sie mit dem Vaterland im Herzen und dem Namen des Duce auf den Lippen zur Attacke schreiten.

Das ist wichtig, weil man in Deutschland von diesem Kapitel faschistischer Schweinereien nur wenig weiß – und weil man in Italien nicht nur darüber schweigt, sondern den Tätern wieder Ruhmeshallen baut. (Im August 2012 wurde ein mit Subventionsgeldern der Region und der Gemeinde errichtetes Mausoleum zu Ehren des Kriegsverbrechers Rodolfo Graziani im Beisein von neofaschistischen Bürgern und dem Bürgermeister eingeweiht.) An den Häusern in Rom finden sich immer noch Liktorenbündel (Fasces), dem Symbol der italienischen Faschisten.

Melandri berichtet von der italienischen „Entwicklungshilfe“ an Äthiopien, von der Geschichte Äthiopiens seit den 1970-er Jahren, vom „Derg„, vom Deal zwischen Berlusconi und dem libyschen Machthaber Gaddafi bei dessen monströs inszeniertem Staatsbesuch in Rom. Es zeigt sich, dass in Italien die Landesgeschichte noch weniger aufgearbeit ist als in vielen anderen Ländern. (Die jüngsten Entwicklungen hin zur Rehabilitierung des Faschismus konnte Melandri noch gar nicht berücksichtigen.)

Ein wichtiges Thema ist auch die Flucht. Nach der Überwindung der lebensbedrohenden Durchquerung der Sahara unter der Geisel skrupelloser Schleuser wartet die qualvolle Haft in libyschen Lagern. Der junge Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti kommt durch Zufall frei, um dann durch die Verschreckungen der italienischen Asylbürokratie (CIE, Zentren für Identifizierung und Abschiebung, Italien scheint in dieser Beziehung noch weiter als Deutschland zu sein.) weiter traumatisert zu werden. In die italienische Geschichte sind die fiktiven Personen eingewebt. Voran Attilio Profeti, der alles erlebt hat, nicht an herausragender Position, aber immer als beflissener subalterno, der sich, weil er nicht ganz so brutal war wie die übrigen bornierten Soldaten, überlegen fühlte: “Alle, außer mir.” Von den Soldaten waren viele “arbeitslos, mittellos und hatten kaum die Schule besucht, oder waren vorzeitig entlassene Delinquenten, die im Tausch nun in den Krieg gingen.”, Männer wie Attilio aber hielten sich für “direkte Abgesandte des Duce”, für italiani brava gente. Verdrängung als Mythos. Attilio verleugnet auch seine Familie, seine Kinder, hält sein Ich von sich fern.

 Ilaria ist die Avatarin der Autorin, Lehrerin, informiert, linksliberal, streitlustig, aber nicht frei von Schwächen, vor allem der für Piero Casati, einen Abgeordneten der Forza Italia. Sie wird, weil sie Tochter ist, in die Geschichte hineingezogen. Bei der Verflechtung der Ebenen treten die Hauptfiguren immer wieder zugunsten der Realgeschichte in den Hintergrund, doch findet Melandri die Fäden und führt sie durch den Roman. „’Alle, außer mir’ ist ein – nicht nur – italienisches Sittengemälde, das punktgenau ins nervöse Herz der Gegenwart trifft.“ (Meike Fessmann, SZ) Nachdem Attilio gestorben ist, stellt sich der Startpunkt als Finte heraus.

2017               600 Seiten

ttt-Bericht (6 Minuten)

Diskussion im Literarischen Quartett des ZDF (von Anfang bis Minute 15)

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Reski
28. Januar 2018, 15:36
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Petra Reski: Palermo Connection

reskipalermoSizilien. Palermo. Mafia. Da kennt Petra Reski sich aus. „Wenn nichts funktioniert, wenn der Staat nicht da ist, dann tritt die Mafia an seine Stelle, sagte Giovanni und fuhr dabei wie blind durch das Gewühl von Palermo, in dem Wieneke keinerlei Anzeichen für eine wie auch immer geartete Ordnung erkennen konnte – bis auf einen Polizisten, der im Lichtkegel der Abendsonne stand und sich mitten auf der Kreuzung mit einer Frau unterhielt. (…)Die Mafia hat alles, was der italienische Staat nicht hat, sagte Giovanni. Sie funktioniert, hat feste Regeln und Strukturen, sie kann sich durchsetzen, die Menschen können sich auf sie verlassen. Versteh mich nicht falsch, ich wünschte mir auch, dass es anders wäre, aber auf Sizilien sind siebzig Prozent der Jugendlichen arbeitslos, Höchststand in Europa. Wie soll man da einem Jugendlichen vorwerfen, dass er sich an einen Boss wendet, um einen Job zu finden?

Um Sizilien, Palermo und die Mafia genauer auszuleuchten, schickt Petra Reski zwei Protagonisten durch ihren Roman. Zum einen den etwas abgetakelten deutschen „FAKT“-Reporter Wolfgang Widukind Wieneke, der endlich einen Coup braucht, um über die Runden zu kommen. „Herrgott, Sie machen es sich wirklich schwer, Widukind. Es geht darum, dass nicht jeder Italiener ein Mafioso ist. Wenn Sie eine Geschichte über die Mafia schreiben wollen, dann bringen Sie mir ein Interview mit einem echten sizilianischen Mafioso, alles andere ist doch Quatsch.” WWWs Handicap: Er kennt weder Sizilien noch spricht er Italienisch. Deshalb hat ihm Petra Reski den Sensationsfotografen Giovanni beigesellt. Der allerdings Italiener ist und auf eigene Rechnung arbeitet. (Anm. Solche Nebensätze trennt Reski gerne durch Punkt vom Haupsatz ab.) “Giovanni fuhr ein altes, sehr elegantes Mercedes Benz Cabrio. Mit dunkelroten Ledersitzen und Wurzelholzarma­turen. (…)Als Wieneke auf dem Beifahrersitz des Cabrios saß … empfand er plötzlich ein dringendes Bedürfnis nach einer Sonnenbrille, was Giovanni keineswegs für außergewöhnlich hielt, sich auch nicht darüber lustig machte, sondern vor dem Geschäft eines Optikers hielt, und gleich nach Betreten den Optiker so herzlich umarmte, als sei er ein lang vermisster Verwandter.”

Im Untertitel heißt der Roman “Serena Vitale ermittelt” und so ist die Staatsanwältin die Hauptperson im Kampf gegen die Mafia. Sie ist in Bottrop aufgewachsen, nachdem ihre Eltern Sizilien als “Gastarbeiter” verlassen haben. Sie ist die unbeugsame, eigensinnige, widerspenstige Figur, die sich in der Staatsbürokratie nicht gerade Freunde schafft, als sie im Prozess den Minister wegen Kontakten mit der Mafia anklagt. Da die Ermittlungen immer wieder gegen Gummiwände stoßen, schenkt ihr Petra Reski zum emotionalen Ausgleich ein nächtliches Eigenleben. “Sie zog sich Strümpfe an, Seidenglatt 15den, Stilettos mit Zwölf-Zentimeter-Absätzen und ein enges schwarzes Kleid. Dann verließ sie das Haus. Sie fuhr am Hafen und am Gefängnis vorbei und stellte ihr Auto in einer Seitenstraße der Via Calvi ab. Sie drückte auf die Klingel und hörte, wie der Türsummer betätigt wurde.” Wie dürfen (müssen?) sie auch zwecks Blondierung zum Friseur und ins Nagelstudio begleiten.

Es ist schön, dass die Autorin ihr Personal nicht ernst nimmt; wie könnten auch Figuren, die “Widukind” oder “Crocefissa” heißen, glaubhaft sein. Widukind wird am Schluss zum Lachobjekt für die italienischen Aufklärer, Signora Vitale wird dem Fall entzogen.

Es ist viel schlimmer: Die Wahr­heit wird hier für ein großes Missverständnis gehalten. Alles muss sich ändern, damit alles so bleibt, wie es ist. Wir leben in einer Gummizelle. Du läufst gegen eine Wand und wirst zu rückgeschleudert.
Im günstigsten Fall, sagte Romano.
Ich weiß, sagte Serena. Sie blickte in den Spiegel und wischte sich etwas verlaufene Wimperntusche unter dem Auge weg.

Mit der Seriosität des erhellenden Personals schwindet auch die Seriosität der Entlarvung der Mafia. Für ein bloßes Spiel aber ist die “Palermo Connection” nicht spannend genug. Das bisschen Mafia-Tralala erweist sich als heiße Luft, auch das Lokalkolorit ist weder neu noch originell in Petra Reski “Ermittlungsfall”, der sich inzwischen zur Serie ausgeweitet hat. Als Journalistin untersucht Petra Reski auch die Deutschland-Connections der Mafia, sie findet Gefallen an der Cinque-Stelle-“Bewegung” des Beppe Grillo.

2014             290 Seiten

3-4

 



Ferrante
27. Januar 2017, 16:36
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Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

ferranteLenù und Lila im Rione-Land. Ferrante, die sich wie ihre Erzählerin Elena nennt, schreibt die introspektive Chronik des diventare adulta, von der Phantasiewelt der Grundschulzeit bis zur mittleren Reife, von der verlorenen Puppe zum gefundenen Märchenprinzen, von der zögerlichen Annäherung bis zur unausweichlichen „Auflösung“ der Mädchenfreundschaft.

Lenù, die Tochter des Pförtners, ist die gute Schülerin, die viel weiß, weil sie viel lernt, die ziemlich unkritisch mitnimmt, was man ihr zum Lernen vorsetzt, egal ob Latein oder Griechisch oder Theologie. Sie darf aufs Gymnasium, bleibt aber die staunende Chronistin des Geschehens. Raffaela – oder Lila – die „geniale Freundin“, Tochter des Schusters, weiß aus eigenem Antrieb viel, sie ist die Eigenständige, die Schule ist nichts für sie, da man dort nur Unwesentliches erfährt, Lila hilft beim Schuhemachen. Sie will nicht in der Bildung, sondern im Leben ankommen.

Nichts Besonderes. Die Geschichte zweier BFFs, die sich im Kontrast ergänzen, die sich brauchen, um sich zu spiegeln, zu bestätigen, um zu sich selbst zu kommen. Erstaunlich ist das Setting: Elena/Lenù erzählt im Abstand von Jahrzehnten. Sie ist in die Jahre gekommen, weiß aber doch noch jede Kleinigkeit: Gespräche, Gedanken, Gefühle, bei jedem Schritt ist der Leser dabei, in der Eisdiele, der elterlichen Wohnung, der Schule, beim Spaziergang, beim Stelldichein. Das könnte langweilig werden. Lenù weiß auch, was passiert, wo sie gar nicht dabei war, etwa in Lilas Familie. Seltsam ist auch die Sprache der Erzählerin. Sie beschreibt die fantasierte Welt der Kinder in der nüchtern elaborierten Diktion der Gebildeten.

Ich tat, wie Lila mir geheißen, und Gino verschwand. Es war also keine wahre Liebe, doch das machte mir nichts aus. Der Austausch mit Lila war für mich so erfreulich gewesen, dass ich mir vornahm, mich ganz und gar ihr zu widmen, besonders im Sommer, wenn ich mehr freie Zeit haben würde. Bis dahin wünschte ich mir, dass dieses Gespräch beispielgebend für alle unsere künftigen Treffen sein möge. Ich fühlte mich wieder klug, als wäre etwas gegen meinen Kopf geprallt und hätte Bilder und Worte wiederauferstehen lassen.

Weil die Sprache aber präzise ist, wirkt das nur selten abgehoben oder maniriert. Es gibt noch eine zweite Sprachdiversität: den neapolitanischen Dialekt und das Italienische, das nicht jedem zur Verfügung steht und ein Mittel zu sozialer Abgrenzung ist. Der Dialekt ist das Authenische, stellt aber oft nur Formeln und Floskeln bereit. In der Übersetzung kann das nicht wiedergegeben werden (im Original, macht Ferrante das auch nicht), aber Ferrante achtet genau auf die Sprechweisen.

Diese Momente regten mein Herz und meinen Kopf an: Lila und ich mit all diesen wohlgesetzten Wörtern. An der Mittelschule gab es nichts Vergleichbares, weder mit meinen Klassenkameraden noch mit meinen Lehrern, es war traumhaft schön. Nach und nach überzeugte mich Lila davon, dass man in der Liebe ein wenig Sicherheit nur erlangen könne, wenn man den Anwärter auf eine harte Probe stellte. Sie riet mir, plötzlich wieder in den Dialekt verfallend, Gino zwar zu erhören, doch unter der Bedingung, dass er mir, ihr und Carmela den ganzen Sommer lang Eis kaufte.

Wenn „Meine geniale Freundin“ nur die Geschichte zweier ragazzine del popolo wäre, würde mich das wenig interessieren. Aber Ferrante macht auch die Sozialpsychologie im Italien der anni cinquanta anschaulich. Der Rione, das Stadtviertel, ist die Welt, verschlossen von innen und nach außen und mit rigiden Regeln. Die zwei Mädchen lernen die Normen früh, verstehen sie aber erst nach und nach. Der Rione ist eine gewaltbereite Männerwelt. Zur Macht gehören Geld, Schlagkraft und Seilschaften. (Die Camorra wird nur am Rande angesprochen, erst am Ende steht sie auf verräterischen Sohlen im Raum.) „Stellte man Gerechtigkeit denn nicht mit Prügeln her?”, fragt sich Lenù. “Als mein Vater gerade damit drohte, mir beide Beine zu zerschmettern, falls ihm zu Ohren kommen sollte, dass ich noch einmal mit Pasquale Peluso allein unterwegs war, als wäre dies das größte Problem, gerade da ertönte ein gellender Schrei, so dass es uns die Sprache verschlug (…)Als mein Vater diese merkwürdige Neuigkeit hörte, be­dachte er den dichtenden Eisenbahner mit den wüstesten Beschimpfungen. Meine Mutter erklärte, jemand müsse sich darum kümmern, diesem Scheißkerl seine Scheißfres­se einzuschlagen.” Der Macho-Kampf explodiert in den „Krieg“ der Silvesterschießereien. Die Mädchen “waren nicht von Interesse, spielten nicht die geringste Rolle”. Ihnen bleibt der Traum vom Reichtum und von den Kerlen, die bella figura machen und sie zur Prinzessin erwählen. Davon handelt ein Großteil des Kapitels „Frühe Jugend“. Die Mütter haben nichts zu sagen und agieren lieblos und desillusioniert. Und das Schlimme ist: Die Mädchen werden erwachsen und verfallen damit unweigerlich ihrer Bestimmung.

Wie immer gibt es zwei Verhaltensmöglichkeiten: Anpassung oder Aufruhr, in der zahmeren Form: Widerspenstigkeit. Lenù setzt auf Bildung als Weg nach außen, Lila wird kratzbürstig und schafft sich damit ein lebbares Fundament der Fügsamkeit. Sie kennt die Regeln und sie versucht sie auszureizen, sie neu zu definieren, um sie dann ertragen zu können. „Lila richtete sich gründlich in ih­rer Rolle als Stefanos Verlobte ein. Und auch in den Ge­sprächen, die wir führten, wenn ich etwas Zeit erübrigen konnte, schien sie stets zufrieden mit dem zu sein, was sie geworden war, als würde sie darüber hinaus nichts mehr sehen, nichts mehr sehen wollen, außer Hochzeit, Haus, Kinder.” Das macht Lilas Faszination für Lenù aus, ihre „Genialität“, das zu verstehen bemüht sie sich all die Zeit. Die Verachtung, das Herabschauen ist nicht vom Neid zu trennen.

Und das Schlimmste daran war meine feste Überzeugung, dass ihr Los besser sein würde als meines. Stärker denn je spürte ich die Bedeutungslosigkeit meiner Ausbildung, mir wurde klar, dass ich diesen Weg Jahre zuvor nur eingeschlagen hatte, um in Lilas Augen beneidenswert zu erscheinen. Dabei maß sie Büchern nun keinerlei Wert mehr bei. Ich hörte auf, für die Prüfung zu lernen, tat in der Nacht kein Auge zu und dachte über meine spärlichen Erfahrungen in Liebesdingen nach. Ich hatte Gino einmal geküsst, hatte kaum Ninos Lippen berührt, hatte die flüchtigen, schmierigen Berührungen seines Vaters erduldet, und das war’s auch schon. Lila dagegen würde im März, mit sechzehn Jahren, einen Ehemann haben und ein Jahr später, mit siebzehn, ein Kind und dann noch eins und noch eins und noch eins. Ich fühlte mich wie ein Nichts und weinte verzweifelt.

»Was passiert mir hier gerade, Lenù?« fragt Lila bei hrer Hochzeit, erstmals verunsichert. Jahrzehnte später ist Lila verschwunden. „Sie hat sich aus allen Fotos herausgeschnitten, auf denen wir gemeinsam waren, auch aus denen meiner Kindheit.” Elena sucht die Vergangenheit und schreibt sie auf, über 1700 Seiten, vierbändig. Lesen!

2011        420 Seiten

Leseprobe beim Suhrkamp-Verlag

 Eva Mattes liest aus dem Roman auf zehnseiten.de (20 Minuten)

Diskussion im SRF-Literaturclub

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Melandri
21. Januar 2014, 15:46
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Francesca Melandri: Eva schläft

melandrieva

Cover zielen auf Lesergruppen. Mich schreckt der Umschlag der deutschen Ausgabe von Francesca Melandris „Eva schläft“ ab. Das Foto hat nichts mit dem Inhalt dieses Buches zu tun, ist beliebig, einfalls- und gedankenlos, bloßer Kundenfänger. Auf der italienischen copertina ist immerhin eine Gebirgslandschaft zu sehen, im Vordergrund sitzt unscharf und versonnen eine Frau, eine grobe Einordnung ist möglich. Was auf der deutschen Hülle das Bild, ist auf der italienischen der Text: Un grande melandri_eva-dormeamore impossibile. Una bambina senza padre. In una terra lontana, vicinissima. Unsäglich, indicibile. Ich habe den Roman gelesen, weil ich die Information hatte, dass sich der fatto vor dem Hintergrund der Geschichte Südtirols abspielt.

Francesca Melandri platziert ihre Personen in den Kampf um Südtirol zwischen derdeutschsprachigen Mehrheit der Bevölkerung und der italienischen Verwaltung zwischen 1961 und 1979. Die Verknüpfung der Einzelschicksale mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund wird in vielen Romanen versucht, in wenigen gelingt das so gut wie bei „Eva schläft“. Es wird gezeigt, wie die Personen durch die Macht von Geschichte und Tradition ge- und verbogen, ge- und vertrieben werden, wie sich sich auflehnen, scheitern, fliehen oder Refugien suchen. (Die geschichtlichen Hintergründe allein könnte man auch auf wenigen wikipedia-Seiten lesen.) Die Sympathie der Erzählerin gehört durchaus den Südtirolern, die sich für die Autonomie ihrer Region einsetzen, zuvörderst dem Landeshauptmann Silvius Magnago, der es 1969 mit Verhandlungen schafft, Südtirol zu einem Autonomiestatus zu verhelfen, der allerdings erst 1992 endgültig völkerrechtlich ratifiziert wurde. Melandri beurteilt ihr Personal aber nicht nach „Volksgruppenzugehörigkeit“, sondern nach ihrer Menschlichkeit.

Im Mittelpunkt steht die verzweigte Familie von Gerda Huber, die sämtliche Handlungsmöglichkeiten und Verwicklungen aufzeigt, von den nationalistischen Attentaten über die traditionalistischen Lebensweisen in den Tälern und am Rand der Städte („Shanghai“) bis zur Entwicklung durch den Fremdenverkehr. Die Titelperson Eva ist Südtirolerin, aber sie geht „aussi“ aus den Tälern, aussi aus der lebenswirklichen und der weltanschaulichen Enge in die Welt. Sie hat die Grenze für sich überwunden.

Seine Frau blickt mich an und fragt dann plötzlich, wie aus dem Hinterhalt:
»Entschuldigen Sie die Frage …, aber fühlen Sie sich eher als Deutsche oder als Italienerin?«
Noch nicht mal die Tasche hat sie abgestellt, bevor sie mich das fragt!
Ich hole Luft. Natürlich ist meine Antwort wohldurchdacht und hat sich oft bewährt.
»Mein Reisepass ist italienisch, meine Sprache Deutsch, mei­ne Heimat ist der südliche Teil Tirols, dessen übrige Teile, Nord­- und Osttirol, allerdings in Österreich liegen. Für uns heißt dieser Teil Südtirol, doch im Italienischen sagt man >Alto Adige<, oberes Etschland, denn das ist ja der eigentliche Unterschied: Entschei­dend war immer, von wo aus man das Land betrachtet, von oben oder von unten.«
Meine Antwort lässt die Frau verstummen. Sie blickt zu ih­rem Ehemann.
»Aber in Ortisei haben sie doch ladinisch gesprochen, nicht wahr?«, fragt sie ihn.
»Ja.«
»Das sich allerdings«, werfe ich ein, »von jenem Ladinisch unterscheidet, das im Val Badia, für uns Gardertal, gesprochen wird.«
»Eine komplizierte Gegend.« »Das können Sie laut sagen.«

Bis vor einigen Jahren wurde man noch für eine Terroristin ge­halten, wenn man angab, eine deutschsprachige Südtirolerin zu sein. Oder zumindest wurde man gefragt: Warum hasst ihr die Italiener eigentlich so?

Eva ist Event-Managerin. Sie ist die uneheliche Tochter der Aushilfsköchin Gerda, sie wird zu Bekannten in Obhut gegeben, während ihre Mutter arbeitet, sie fühlt sich vaterlos. Einen Ersatzvater findet sie vorübergehend in Vito, einem Süditaliener aus Reggio, der als Carabiniere in Bozen Dienst tut und sich in Gerda verschaut. Die Beziehung hat aber kaum Dauer, Gerda ist aufgrund ihrer Biografie für längere Beziehungen nicht geeignet, sie blickt nach oben und nicht, wie es sich ziemt, zu Boden. Zu sehr würdigt und überhöht Melandri die Lebensleistung Gerdas;  schon als kleines Mädchen ist sie unglaublich schön und bleibt es, wie die Erzählerin unaufhörlich – und nervend – betont.

Sie hatte lange Beine, feste, runde Brüste und vor allem herrliche Augen, die sie niemals niederschlug. Das Begehren, das ihr Anblick aus­löste, war zu stark. (…)Was dachte Gerda über die Gelüste, die sie weckte, die sie schon als kleines Mädchen bei den Burschen und Männern ihrer Umgebung erzeugt hatte? Schon als sie damals neben Simon und Michl, ihren Cousins, im Heu auf der Alm schlief, waren ihr die kurzen, unterdrückten Atemzüge aufgefallen, die seltsamen rhyth­mischen Schwankungen der Holzbretter, worauf erstickte, fast vorwurfsvoll klingende Stöhnlaute folgten und dann eine jähe, peinliche Stille. Was da vor sich ging, verstand sie nicht so rich­tig, spürte aber, dass es mit ihr zu tun hatte. Von klein auf war sie daran gewöhnt, Blicke auf sich zu ziehen, vor allem im Som­mer, wenn die leichten Kleider ihre Körperformen nachzeichne­ten.

Weshalb Eva „schläft“, wird mir nicht recht klar, denn eigentlich ist sie die einzige „wache“ Person, die einzige, die den Überblick hat. Vielleicht steckt im Schlafen der Wunsch nach Geborgenheit; die Erwachsenen mögen die Schutzengel sein. Das geht in der archaischen Gesellschaft bloß im Traum.

Zwar verstand Eva nicht alle Worte dieser Sprache voller Vokale und sanfter Laute, aber das war auch unwichtig. Reglos lag sie da und lauschte mit halb geschlossenen Augen, während sich die blonden Härchen an ihren Unterarmen ein wenig aufgerichteten hatten, allein durch die Zärtlichkeit in seiner Stimme.
»Was heißt Sisiduzza?«, fragte sie irgendwann. »Fünkchen«, antwortete Vito.
So lag sie da, von den beiden gekrümmten Körpern wie in einer Muschel eingeschlossen, und strahlte innerlich heller als die »Perle von Labuan«.
Von Vitos Stimme gewiegt, wurden ihre Lider immer schwerer, bis sie sich langsam ganz schlossen.
»Eva schläft«, sagte da ihre Mutter.
Erst jetzt nahm Vito sie sanft auf die Arme und trug sie in ihr Kinderbett hinüber.
Eva schlief tief und fest, so fest wie seit Säuglingstagen nicht mehr.

Francesca Melandri konstruiert den Roman geschickt. Es gibt zwei Erzählstränge und –perspektiven: zeitlich und lokal. Mit beiden erschließt sie Geschichte und Landschaft. Ein neutraler Erzähler verwebt Familien- und Zeitgeschichte, Eva selbst erzählt von ihrer Reise von Südtirol (Kilometer 0) bis zur Südspitze Italiens (Kilometer 1397) zum alten Vito. Allerdings gehen ihre Gedanken auch hier von ihren Beobachtungen im und aus dem Zug oft zurück zur Vergangenheit.

2010        435 Seiten

 Francesco Melandri über ihren Roman „Eva dorme“ –
youtube (italienisch – 5:30)

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Romane aus/über Südtirol und seine Geschichte:

Sabine Gruber: Stillbach
Ines aus Stillbach in Südtirol ist als Zimmermädchen nach Rom gegangen Nach ihrem Tod fährt ihre Freundin Clara nach Rom, um ihre Wohnung aufzulösen und sich um den Nachlass zu kümmern. Dabei findet sie ein autobiografisches Romanmanuskript von Ines. In wechselnder Perspektive kreuzt sich ihre Geschichte mit der ihrer Chefin Emma, auch aus Stillbach. Die Geschichte ereignet sich bei Gruber aber nicht durch die und in den Personen, sondern wird in Erzählungen, Erinnerungen, Gedanken verlagert. Geschichte aus zweiter Hand, oft sind die Informationen und Erinnerungen vage, Gruber lässt ihre Figuren Einträge aus Geschichtsbüchern aufsagen. Der Kampf um Südtirol, der ja gerade auch in den 70er Jahren tobte, bleibt ausgeblendet, die Südtiroler Frauen hat’s ja in die Hauptstädte verschlagen.

Sepp Mall: Wundränder -2004
Der Vater von Paul ist plötzlich nicht mehr da, eingesperrt, heißt es. Als er zurückkommt, wirkt er verstört, apathisch. Eine junge Frau berichtet von ihrem sprachbeschränktem Bruder, der ums Leben gekommen ist. Erst allmählich wird ihr bewusst, dasss auch Alex an den Bombenattentaten beteiligt war, die Südtiroler Nationalisten in den 1960er Jahren verübten, um die Italiener aus „ihrem“ Land zu vertreiben.  Mall „geht es nicht in erster Linie um Zeitgeschichte, er spürt den Wirkungen nach, die die Ereignisse in den Familien hinterlassen, bei den Kindern, die noch nichts verstehen und die, wie Paul, lieber mit der kleinen StellaModigliani befreundet wären, auch wenn diese die falsche Nationalität hat. Mall schildert die „Wundränder“ in klarer Sprache, die immer nahe bei seinen Personen ist. 



Longo
5. Mai 2013, 12:26
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Davide Longo: Der aufrechte Mann

longomannDavid heißt auch der Elefant in Davide Longos „L’uomo verticale“. Der zum Helden getriebene Leonardo wird zu ihm in den Käfig gesperrt.

Endzeitromane folgen eigenen Regeln. Über die Katastrophe erfährt man nur Ungenaues. Der „Held, der ihr ausgesetzt ist, hat genug damit zu tun, sich in ihr durchzuschlagen, sich zu bewähren. Falls es Überlebende gibt, sind sie per se bedrohlich; sie kennen ja zunächst auch nur das eine Interesse: zu überleben. Der Mensch wird zum Wolf, Rudelbildung eingeschlossen. Das Gelände ist „vermint“, Landmarken haben sich verschoben, der nächste Tritt ist nicht sicher. Die Infrastruktur bildet keine Hilfe mehr, was früher selbstverständlich schien, wird zum hart erkämpften Luxus. Nahrung etwa oder Wasser. Der Überlebende, die Überlebenden sind zu … geworden, jeder Ort ist gefährlich, jedem anderen Ort ist nicht zu trauen. Der Weg hat nur ein diffuses Ziel: weg. Oft ist es die Küste oder das Meer, das überschaubare, das ewige. Potenziert sind die mühen, wenn der Held einen Auftrag hat: eine Person, für die er die Verantwortung nicht ablegen kann oder will.

In Longos Dystopie hat sich das staatliche Gefüge aufgelöst, Italien ist zum failing state geworden. Kommunikation, Infrastruktur, was immer es an sozialen Einrichtungen gab – sie existieren nicht mehr. Leonardo, Schriftsteller, Intellektueller ist wie alle anderen auch auf sich gestellt, muss sich seinerseits asozial verhalten, um seine minimierten Chancen zu wahren. Seine frühere Frau bringt ihm die Kinder vorbei, seine eigene Tochter Lucia und den Sohn mit einem anderen Mann, Alberto. Nachdem Leonardo vergebens auf die Rückkehr von Alessandra gewartet hat, macht er sich mit den Kindern auf den Weg. Wohin, weiß er nicht, in die Schweiz vielleicht, nach Frankreich, aber die Bestimmung des Ziels liegt nicht in seiner Hand. Ausführlich und betont sachlich beschreibt Longo die Gefahren des Wegs, die Suche nach Unterkunft und Nahrung, immer abseits von Orten und Straßen, immer sofort Deckung suchend, wenn sie andere Menschen erblicken. Die anderen, das können „Externe“ sein, aber die verbleibenden Italiener sind um nichts besser. Auch sie sind roh geworden, Moral kann man sich nicht mehr leisten. Was geschieht, ist grausam, man entkommt nicht dem Schlachten, den Vergewaltigungen, der ungezügelten Gewalt. Leonardo tut, was er kann, als Intellektueller ist er nicht darauf vorbereitet, das Chaos zu meistern. Was er kennt, sind Geschichten. Was ihm immer noch auffällt, sind die poetischen Landschaften, die verklärten Ansiedlungen.

BIS ZUM ABEND gingen sie an der Autobahn entlang in Richtung T*, in der Hoffnung, eine Mitfahrgelegenheit zu finden, aber in diesen drei Stunden fuhren nur zwei Autos vorbei. Das erste hielt nicht an, obwohl nur eine Person an Bord war; das zweite, ein Lieferwagen mit schwarz getön­ten Scheiben, bremste und kam etwa fünfzig Meter weiter vorn zum Stehen. Zwei Männer stiegen aus und machten Zeichen, sie sollten näher kommen.
«Nicht hingehen, Papa», sagte Lucia.
Die zwei Männer machten weiter Zeichen, sie soll­ten näher kommen. Einer war sehr fett und hatte einen Cowboyhut auf. Der andere hingegen trug Lederkleidung und schwarze Handschuhe.
«Sie gefallen mir nicht, Papa, nicht hingehen.»
Leonardo hob einen Arm und versuchte zu verstehen zu geben, dass sie es sich anders überlegt hatten, aber einer der beiden, der mit dem Hut, kam auf sie zu. Es war Sache eines Augenblicks: Sie setzten über die Leitplanke weg und rann­ten über das verschneite Feld neben der Autobahn, Tüten und Koffer schlenkerten ihnen zwischen den Beinen her­um. Sie hielten erst an, als sie sicher waren, dass der Mann ihnen nicht gefolgt war. Als sie sich umdrehten, sahen sie, dass der Lieferwagen Licht eingeschaltet hatte und wieder losfuhr. Einen Augenblick später war er verschwunden.
Die Nacht verbrachten sie in einer Ruine ganz in der Nähe, einem Haus, das vor vielen Jahren verlassen worden war, als man sich das, was dann kommen sollte, noch nicht im Entferntesten hätte vorstellen können.

Am brutalsten wird es, als Leonardo mit Lucia und Alberto von einer Rotte marodierender Jugendlicher, welche die Umgebung terrorisiert, selbst keine Regeln mehr kennt und nur noch ihrem Trieb unterliegt, das Ende jeder Zivilisation. Leonardo wird in einen Käfig zum – gutmütigen und warmen Elefanten gesperrt – er ist „menschlicher“ als die asozialen Jugendlichen – und darf nur heraus, wenn sich die Jungbarbaren über seine Tänze mit bloßen Füßen auf glühenden Kohlen erheitern wollen, Julia hat sich den Launen des Sektenanführers Richard zu fügen, die Nächte gehören Drogen, wummrigen Technobeats und lustlosem Gepaare – die pure Apokalypse. Schließlich gelingt es Leonardo freizukommen, indem er seine Hand opfert.

Ohne Nervosität zu zeigen, stand der Junge auf, dreh­te ihr einen Arm auf den Rücken und schlug sie mit dem Kopf drei Mal gegen das Trittbrett. Leonardo sah, wie sich auf der Stirn des Mädchens eine Wunde auftat und ihr das Blut übers Gesicht lief. Zum ersten Mal, seit der Schlag ihn getroffen hatte, konnte er das geschwollene Auge öffnen, spürte die Tränen hervorquellen und ihm das Gesicht bis ans Kinn netzen. Sobald das Mädchen wieder auf den Bei­nen war, stieg sie widerstandslos in den Bus.
Als der Junge wenige Minuten später herauskam, hob er zum Zeichen des Jubels die Faust und wurde von Schreien und Beifall empfangen. Ein dritter stand auf, gab bei dem Buckligen seinen Zettel ab und ging zum Bus.
Leonardo verbrachte den Vormittag zusammengekauert in einer Ecke des Wagens, ohne den Blick je vom Boden zu heben, während David neben ihm mit seinen kleinen traurigen Augen die Prozession der Jungen und einiger der Mädchen beobachtete, die sich im Bus ablösten. Am Nach­mittag, als es schon kühl wurde und die Sonne hinter einer dicht über den Bergen sitzenden Wolke verschwand, war die Sache vorbei. Das Feuer wurde angezündet, und ohren­betäubend und monoton setzte die Musik wieder ein. Von seiner Ecke aus sah Leonardo die Kinder tanzen und fragte sich, ob Alberto auch in diesen Bus gestiegen war.
Als der Doktor im ersten Morgengrauen das Essen brachte, fand er ihn zusammengerollt in einer Ecke liegen wie einen Hund.
«Bald brechen wir auf», sagte er.

longouomoProblematisch ist immer das Ende von Endzeitromanen. Will man die Hoffnung etwas …. lassen, wird das Finale leicht kitschig. Ein „realistischerer“, defätistischer Schluss enttäuscht, der Leser hat dem Helden zu viel Sympathie gewidmet. Longo gelingt die Versöhnung. Er lässt Momente der Wahrnehmung mit assoziierten Phantasien verfließen. Keine Lösung, keine Erlösung, die Auflösung. Man kennt das vom Einschlafen, wenn die Realität allmählich in den Traum gleitet oder auch davon, wie Psychologen und Philosophen den Tod beschreiben. Phase V. Das Ende kehrt zurück ins Meer. Und David darf dabei sein.

Man kann, und manche tun das, „Der aufrechte Mann“ als Parabel auf den Niedergang Italiens lesen. Die Reduzierung des Menschseins auf Habgier, Skrupellosigkeit, Triebhaftigkeit, Perspektivlosigkeit kann ja bereits angelegt sein, die seichten Freuden, die Missachtung der anderen, Sex und Drogen und tumbe Tänze. Longo kennt auch seine Vorbilder: „Die Straße“ von Cormac McCarthy etwa, ein vergleichbarer Trip durchs verseuchte Amerika ans Meer, den Vater und Sohn auf sich nehmen.

2010        480 Seiten

Leseprobe beim Rowohlt-Verlag

Homepage von Davide Longo – mit Leseprobe auf Italienisch

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Corona
22. März 2013, 16:13
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Mauro Corona : Im Tal des Vajont

vajontDie Berge sind auch bekannt dafür, dass man abstürzen kann. Aber man muss hinauf, denn oben sind die satten Weiden für die Ziegen und unten sind die Dörfer, wo man wohnt. Mauro Corona kennt die Gegend bis in den letzten Winkel, und alle Wiesen und Weiden und Täler und Schluchten haben Namen, denn sie sind existentiell, weil man sie zum Überleben braucht. Und alle Personen haben Namen, eigenartige. “Da waren sie alle: Pilo dal Crist, Jacon de Arcangelo, Toni della Val Martin, Piare Stort, Raggio, Zulin Cesto, Carle dal Bus dal Diaul und Jacon Piciol.” Und alle Personen müssen ständig hinangehen und hinabgehen und meistens beides. Und von oben fällt man leicht hinunter, meist nicht von allein, jeder ist für einen Stoß gut, jeder weiß etwas vom anderen, was er nicht wissen sollte. Das Herz ist bedrückt wie die Seele und beides zieht einen hinab in die Schlucht und in den Tod. Um nicht ständig an das unausweichliche Schicksal denken zu müssen, trinkt man auch viel Wein.

GANZ LANGSAM STIEG ICH hinauf und immer höher, bis ich schließlich mit meinen Gedanken im Kopf und dem Rucksack auf dem Rücken in die Nähe der Roppa kam. Hier ruhte ich mich ein wenig aus, bevor ich die Wegstrecke über die Ebene einschlug, die nah an jener vermaledeiten kilometertiefen Foiba vorbeiführt. Dies ist der direkte Weg, den man immer geht, wenn man keine Tiere mit sich führt und daher nicht auf den weiter unten verlaufenden längeren Weg ausweichen muss. Denn dann besteht schließlich keine Gefahr, dass die Tiere in den Abgrund stürzen könnten.
Aber heute denke ich, hätte ich die längere Strecke weiter unten gewählt, dann wäre vielleicht nicht passiert, was passiert ist, und ich säße jetzt nicht hier, mit dem Kopf in den Händen vergraben. Doch vielleicht hatte dort oben ja alles bereits jene Hexenschlampe ausgeheckt.
Damals holte ich zunächst einmal Luft und machte mich auf den Weg.

 Man weiß, dass die Schuld in einem selbst steckt, aber es ist einfacher, die „Hexenschlampe“ dafür verantwortlich zu machen. Das böse Weib. Die Verführerin – und Retterin. Hexe und Madonna. Wobei „die von Genio Damian Sgüima gefertigten Madonnen der Bildstöcke (…)  eher wie Männer aussahen, weil ihre Gesichter mehr nach dem des heiligen Antonius denn nach der Madonna ge­raten waren”.

Severino Corona, genannt Zino, der Erzähler, und Benvenuto Mar­tinelli, der auch Raggio, »Strahl«, gerufen wird, sind die beiden Hauptpersonen. Beide Ziegenhirten, beide Käser, beide brauchen einander. Aber es gibt die Frauen. Die Verführerinnen, denen man nicht widerstehen kann, denn sie kennen die Methoden. Und so nimmt das Schicksal seinen Weg. Es werden Kinder gemacht, die nicht den Geboten von Kirche und Bergwelt entsprechen.

Ich begriff, dass es von nun an um mich geschehen war, sie hatte mich verhext und hingemacht. Das Verlangen, das sie in mir weckte, war etwas, was ich nicht mehr ab­schütteln konnte, und ich begann, meinen Freund Raggio mit anderen Augen zu sehen. Ich beneidete ihn darum, eine derart begehrenswerte Frau zu haben, hatte mir selbst aber zugleich geschworen, Raggio niemals das Unrecht an­zutun, es mit seiner Frau zu machen. Wäre es nicht so gewesen, ich hätte sie gleich unten am Ufer des Vajont genommen, während sie die Kleider wusch und sich ab­sichtlich das Kleid hochrutschen ließ, um mich heiß zu machen. Jedenfalls beschloss ich, sie mir fernzuhalten, um nicht die Freundschaft mit Raggio zu zerstören.

Alles ist sehr archaisch. Das erklärt auch die ständige Wiederholung von einfachen Handlungen und einfachen Gedanken. Das muss man mögen und vertragen, es ist oft eintönig, wie das Leben auch. Die kurzen Kapitel werden meist mit der Zeitangabe eingeleitet, oft dramaturgisch geschickt mit dem Hinweis auf zu erwartendes Unheil. „DAS FRÜHJAHR GING VORÜBER und auch der Sommer, und nichts änderte sich. Heimlich traf ich mich weiter mit ihr.“ Oder: „AM KARFREITAG GESCHAH ein Akt des Teufels, der alle erschreckt verstummen ließ.“ Eingestreut in den Jahresverlauf sind die “Akte des Teufels”, der Erzähler spart nicht mit Blut, gespaltenen Köpfen, Würmern im Käse und Ameisen in Leichen, Gift und Aberglauben und Verrückten. Es geht derb zu in den Bergen.
Um den Erzählungen Glaubwürdigkeit zu verleihen, sagt der Erzähler in einem Prolog, er habe von einem Unbekannten “ein großes Heft, eingeschlagen in einen zerschlissenen karierten Stofflumpen und mit einer Schnur zugebunden” erhalten. “Es war ein dickes Heft, eng liniert und mit einem schwarzen Einband. Schon die wenigen Wörter auf der ersten Seite ließen mich er­schauern: »20.Juli 1920. Draußen ist es sehr heiß, aber ich fühle nur Kälte, und ich spüre Schnee, überall Schnee.«” Im Epilog werden die Schicksale der Hauptpersonen in die Gegenwart weitergeführt.

Der Autor Mauro Corona präsentiert sich auf dem Umschlagsfoto als “Sohn fahrender Händler”, mit seinem Piratentuch könnte er der Held sein, er ist aber ein Spätgeborener (1950). Das Buch ist spektakulär, “magisch, märchenhaft und von kruder, elementarer Wahrheit” (Claudio Magris, Klappentext). “Der Roman bietet eine archaische, bisweilen an Jeremias Gotthelf erinnernde Erzählwelt, wie mit der Axt behauen, einfach und echt, nur dass diese Einfachheit entsetzliche Komplikationen gebiert und das Archaische auf heutige Leser wie eine ungeheuerliche Kunstwelt wirkt.“ (Wolfgang Schneider, FAZ) Das Buch ist mit seinen ausufernden Wiederholungen letztlich aber auch langatmig, aus der Zeit gefallen.

2005        303 Seiten

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Mauro Corona racconta di Erto –  auch hier

P.S. 1963 kam es beim Bau einer Staumauer zu einem Bergrutsch, 2000 Menschen starben, der Ort Longarone wurde vollständig zerstört. Ein Filmausschnitt ist bei youtube zu sehen.



Benni
10. Juli 2012, 18:10
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Stefano Benni: Brot und Unwetter

Il Bar ist der Mittelpunkt der Welt und der Fluchtpunkt der Geschichte. Gibt es keine Bar Centrale mehr, implodiert die Welt und die Geschichte verliert ihre Perspektive, löst sich auf in Geschichten. Die allermeisten handeln im Gestern, für die Zukunft bleiben ein paar Träume, von denen man weiß, dass sie illusionär sind, denn das Glück kann nur in der Vergangenheit existieren.

Die wichtigen Dinge des Lebens, das sind das Erzählen, das Saufen, das Rülpsen und Furzen, der Traum vom Lieben, alles echt, alles handgemacht, das ist das Bewahrenswerte und das ist das Bedrohte. Eine ländliche Welt, mit Handwerkern und Maulhelden, eine gestrige Welt ohne Technik, auch die Arbeit ist Nebensache. Die Bar ist das Symbol dafür, viele Italiener scheinen sich darin wiederzuerkennen, kein Wunder, dass viele in sich einen kleinen Berlusconi sahen/sehen, den Nichtsnutz, das Fernsehen als Bar der leichtgemachten Träume und der Gaukler.

Die Bar liegt nicht im Zentrum des Dorfes, sie ist das Zentrum, sie ist das Leben. Meistens heißt sie Bar Sport, was aber nichts mit dem zu tun hat, was man unter Sport auch verstehen könnte. Das Zentrum ist klein, überschaubar, die Welt ist groß und aus ihr drohen die Riesen und die Gräuel. Das Personal des Dorfes füllt dennoch die Welt aus, denn das ist ja die Bar. Hier trifft man die potenten Versager, die versoffenen Klarseher, die infantilen Alten, jeder eine Type und als Type bezeichnet: Trincone der Stier, Opa Seher, der Laufbursche Diango, Archivioder Philosoph“, Ottavio Maolvurfio und Leoschwarto, der Hund Merlot, die Schneiderin Simone Bell’Eugele. Die Frauen sind natürlich die wahren Beweger, sie sind stets zum Verzicht auf Abwehr bereit, stehen aber immer in der zweiten Reihe. Die Bar Sport ein “Treffpunkt von Philosophen, Saufbolden, Sportfachsimplern, Lügenbaronen, Nichtstuern, Geschich­tenerzählerinnen und Klatschbasen aus dem ganzen Tal.” Jeder ein Held, jeder wird gerühmt.

Der Opa setzte sich an das Geländer der Aussichtsterras­se, um den Wald zu betrachten.
Und er hörte dieses Geräusch. Ein unverwechselbarer Klang, schrill und grausam, wenn auch von kraftvoller Mu­sikalität.
Es kam von einem Baum, der gefällt wurde, umfiel und beim Zerbrechen die Zweige knacken ließ.
So begriff der Opa, dass jemand dabei war, einen Weg in den Wald zu schlagen. Er hörte den Schrei der Eichhörn­chen, als ihre Hauseiche zusammenbrach. Er hörte eine Kas­tanienlawine und das Winseln der Wurzeln. Er sah einen Schwarm Stare davonfliegen. Der Leitvogel war kosaken­braun, mit einem leicht schielenden Äuglein.

Die Bar passt nicht in die Moderne, sie muss weichen. Die Bagger rücken an, das Plakat “so groß wie die Hälfte des Horizonts“ verkündet die

Konstruktion eines polyfunktionalen, multivalenten,
hypermarktischen Komplexes
zur wohnlichen, gewerblichen und geldrecyclenden
Nutzung.
Baugesellschaft Mediamogul-Impregiko-Luxury­
project Investment LTD

Ohne Bar keine Welt. Keine lebenswerte. Man hofft, dass die kleinen Träume nicht wahr werden.

»Was verlangt ihr denn? Wollt ihr, dass wir alle Bettler bleiben?«, knurrte Giorgia. »Wenn ihr’s wissen wollt, sie haben mir versprochen, dass ich eine Tiefkühlabteilung im Supermarkt bekomme. Endlich verlasse ich dieses elende Lädchen.«
»Und ich bekomme eine Buch-Schreib-Spielwarenhand­lung mit Pornovideos aus der ganzen Welt«, sagte Fefe.
»Und ich werde eine Parfümerie eröffnen«, sagte Poldo Ferkello.
»Ich werde ein Fitnesscenter eröffnen«, sagte Vitale der Leichenbestatter.
»Ich werde die Security koordinieren«, sagte Ottorino.
»Es wird ein neues Haushaltswarengeschäft geben, mit so großen Fernsehern, dass wir unsere Häuser verbreitern werden müssen«, sagte die Kassenführerin Pina. […]
»Wer hat euch all das versprochen?«
»Velluti und Mediamogul. Sie haben gesagt, dass es für alle Arbeit in Hülle und Fülle geben wird.«
»Ihr Bekloppten«, sagte Melone und schlug sich an die Stirn.

Die Bar ist zwar das Zentrum, die Welt entsteht jedoch in den Geschichten. “Vellutis Sermon”, “Die Geschichte von Inclinatus und seinem Denk­mal”, “Die Geschichte von Grandocca”, “Der Erzählwettstreit”, “Giangos Erzählung”, “Sofronia gegen Rasputin”, “Die Erzählung des Gnoms”, “Die Erzählung vom Brunnen”, “Der Gesang des Waldes”. Alle phantastisch, geisterhaft, heroisch, leidenschaftlich, versoffen, stinkend und furzend, Märchen. Nicht die Realität entscheidet die Wirklichkeit, es geht darum, wie man sich darin einrichtet. Der Roman ist keine Satire, die Welt ist so, wenn man sie dazu erfindet. Und dafür steht die Bar in”Montelfo”. So “wird ein Einblick in die italienische Realität der letzten fünfzig Jahre vermittelt, der an Schärfe nichts zu wünschen übrig lässt“ (Kristina Maidt-Zinke, SZ).

Das Drama war wenige Kilometer von der Bar entfernt geschehen, in einer bestialisch stinkenden Hühnerzucht.
Ein neunjähriger Junge namens Gino war weinend bei den Carabinieri der angrenzenden Stadt erschienen und hatte ausgesagt, seine Eltern getötet zu haben. Motiv: Sie hatten ihm kein Handy gekauft.
Dynamik des Doppelmordes: Ersticken mittels hartgekochten Eis im Mund. Der Junge war neun Jahre alt und wog fast achtzig Kilo.
Die Leichname waren den Hühnern vorgeworfen worden, und sie hatten sie aufgefressen.
Tatsächlich wurden während der ersten Ermittlungen in den Boxen des Federviehs die Eheringe der beiden, ein Stück Fingernagel des Vaters und eine Haarsträhne der Mutter sowie Fetzen diverser Kleidungsstücke gefunden. […]
Den Unschuldsverfechtern zufolge war >Gickel-Gino< ein fettes Kind mit schwerem Gefühlsmangel, das von einem Raptus gepackt worden war. Er müsse kuriert und rehabi­litiert werden.
Man fand heraus, dass er seit dem Alter von zwei Jahren gezwungen worden war, jeden Tag ein hartgekochtes Ei zu essen. Kein Wunder, dass er das Verbrechen auf diese Wei­se hatte unterzeichnen wollen. Das Handy wäre für ihn die einzige Möglichkeit gewesen, sein Leben zu ändern, mit der Welt zu kommunizieren und diesem gefiederten Alptraum zu entkommen.
Den Schuldigsprechern zufolge war >Big Gino< hingegen ein gefährlicher Serienmörder. Ein Kriminologe schrieb ihm gar die Schuld für dreizehn mysteriöse Vermisstenfälle in der Slowakei im vorigen Jahrhundert zu.
Den Antiumweltschützern zufolge sollten die Kanniba­lenhühner vernichtet werden, nun, da sie menschenfressen­de Raubtiere geworden waren.
Den Tierschützern zufolge sollten sie von ihrem Schock kuriert und von einem Psychologen betreut werden. Ihr un­glückliches Leben, vierundzwanzig Stunden am Tag zum Fressen gezwungen, hatte sie dazu gebracht, sich von Men­schenfleisch zu ernähren, keineswegs ihr Instinkt.
Einigen Gästen der Bar zufolge waren die Indizien klar. Im Dorf war das Kind dafür gefürchtet, schnell handgreiflich zu werden und ein Eierschütze zu sein.
Anderen zufolge war die Schuld fraglich: Und wenn es ein Unfall gewesen war, an dem sich der Junge die Schuld gab, verrückt vor Schmerz? Ein Geflügelhändler bezeugte, dass die Hühner das Paar hassten und oft versucht hatten, nach ihm zu picken. Es tauchte auch ein anonymer Droh­brief auf, unterzeichnet mit einer Hühnerklaue.
Dann gab es eine Fernsehumfrage: Das Kind wurde zu 57 Prozent zum Mörder erklärt. Am nächsten Tag wurde es mit Maulkorb in einen Käfig gesperrt und im Auge behalten.
Trincone der Wirt wurde am häufigsten interviewt, weil er sich erinnerte, vor einem Jahr einem dicken Kind, das Gino ähnelte, ein Gelato Panna und Cioccolato verkauft zu haben.
Am nächsten Tag titelte die Zeitung:
Verbindung zwischen der mordenden Eisverkäuferin und dem kleinen Killer?

 Trincone war eine Woche lang berühmt und landete sogar in der Times als einer der zehn schlechtestgekleideten Männer der Welt. […]

Die Hühnerzucht, die geschlossen worden war, wurde als Set für diverse Horrorfilme gewählt.
Und natürlich setzte jedes Ristorante der Gegend Huhn della Mamma, Hähnchen del Babbo, Ei ä la Morgue und Gi­no-Frikassee auf die Karte. 

Doch dann die Trauernachricht.
Die Eltern von Gino waren wieder aufgetaucht, braunge­brannt und bei bester Gesundheit. Sie waren zwei Wochen auf die Malediven gefahren und hatten die komplett auto­matisierte Zucht dem Sohn überlassen. Sie wussten nichts von all dem Chaos.
Gino beichtete die Inszenierung. Er hatte die Eheringe der Eltern aus einer Schublade genommen, einige mütter­liche Haare aus der Haarbürste, ein Stück Fingernagel des Papas aus dem Bidet, ein paar Kleider und so weiter. Dann hatte er alles ins Futter der Hühner gemischt.
Er besaß schon zwei Handys und war zufrieden damit, dick zu sein.

2009     280 Seiten



Gruber
1. Februar 2012, 14:59
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Sabine Gruber:
Stillbach oder die Sehnsucht

Stillbach, damit fasst Sabine Gruber den Ort der Sehnsucht zusammen. Ruhe heißt nicht nur Ferne von Lärm, sondern auch eine Zeit der Geschichte, die noch nicht beschleunigt war, der Bach ist die Natur, frisch, nicht zerstört vom Menschen, nicht rot von Blut, unberührt, Kindheit und Jugend, karge Idylle, Heimat. Stillbach liegt in Südtirol. Südtirol bietet seinen Bewohnern zu wenig, wenn sie überleben wollen, ein paar Gästebetten halfen da noch nicht weiter.

Weggehen ist Menschennot. Als Ziel bieten sich die großen Städte an, die auch jungen Mädchen Geld und Glück zuraunen. Südtirol hat keine Großstädte, es bleiben Wien, Berlin, Rom. Die Ebene. Wien und Berlin sind deutsch, deutschsprachig, Rom ist die Hauptstadt des Landes. Rom ist gefährlich: die fremde Sprache, das laute Treiben, die nicht einschätzbaren Bewohner, die Männer, cazzolini. Stillbach ist fern, die Gedanken nicht zu vertreiben.

Und auch die Politik, die hinter die privaten Verzweiflungen die Kämpfe und Intrigen um die richtige Herrschaft setzt, lässt sich nicht wegdenken. Die Frauen sind – wie immer – die doppelten Opfer. Sie warten auf die Männer und fürchten sich vor ihnen, sie machen die Arbeit, sie sind die Handlanger der Genossen.

Südtirol ist der Zankapfel, im Gamsgebirg fast nicht auffindbar, aber dennoch hart umkämpft. Der „Dolomitenkrieg“ ist abstruses Beispiel. Die Menschen werden zerrieben zwischen den Ideologien. Die Nazis wüten bis nach Rom, Thema des Romans ist auch das Massaker in den ardeatinischen Höhlen, der Name Priebke spukt bis in die Gegenwart.

Auf der anderen Seite die Widerständler von den partigiani bis zu den Brigate Rosse, Pertini ist Staatspräsident geworden, die Söhne und Brüder liebäugeln mit dem Terror. Ein Strang des Romans spielt 1978, Aldo Moro wird ermordet, Paul VI. stirbt.

All das und noch mehr versammelt Sabine Gruber in „Stillbach“. Dazu braucht es lebendige Personen und ihre Verflechtung in die Geschichte. Kontoversen, Missverständnisse, Emotionen auch, auch Handlungsträger. Sabine Gruber wendet allerlei formale Techniken an, um das Thema zu fassen. Um die sehr disparaten Zeitebenen auf 370 Seiten zu zwingen, setzt sie einen Roman in eine Rahmenhandlung. Gegenwart und Vergangenheit, verbunden durch einige Personen, denen die Zeitgeschichte mitspielt. Aber die Geschichte ereignet sich nicht durch und in den Personen, sondern wird in Erzählungen, Erinnerungen, Gedanken verlagert. Geschichte aus zweiter Hand, oft sind die Informationen und Erinnerungen vage, Gruber lässt ihre Figuren Einträge aus Geschichtsbüchern aufsagen.

Ines ist gestorben und ihre Freundin Clara – aus Stillbach – fährt nach Rom, um ihre Wohnung aufzulösen und sich um den Nachlass zu kümmern. Dabei findet sie ein Romanmanuskript, in dem Ines von ihrer Zeit als Zimmermädchen in einem römischen Hotel erzählt. In wechselnder Perspektive kreuzt sich ihre Geschichte mit der ihrer Chefin Emma, auch aus Stillbach. Emma konnte den ihr versprochenen Johann nicht heiraten, weil er als Nazi-Besatzer dem Partisanenattentat in der Via Rasella zum Opfer fällt. An diesen Johann zurück gehen die Sehnsüchte, Emma weiß, dass die Zeit der Liebe hinter ihr liegt, weil auch ihr „italienischer“ Mann gestorben ist. Für die angehende Studentin, aber insgesamt eher unbedarfte Ines ist die Liebe ein Stochern ins Ungewisse. Ihr wurde eingeschärft, sich vor den cazzolini in Acht zu nehmen. Im „Historiker“ Paul findet sie für kurze Zeit einen einfühlsamen Partner. Dann verschwindet Ines aus ihrer Geschichte, erst nach ihrem Tod wird sie von Sabine Gruber wieder eingesetzt. (Ach ja, sie teilt sich ihr Zimmer im Hotel mit dem italienischen Zimmermädchen Antonella, leichtlebig, der Linken anverbandelt. Kontraste.) Als Clara – wer war das gleich wieder ? – in Rom eintrifft, bietet ihr Paul seine Unterstützung an – der Paul aus Ines’ Roman. Auch hier geht’s nicht ohne wechselnde Sichtwinkel, auch hier wird Geschichte durch das Gespräch darüber ersetzt. Das wird z.T. ärgerlich, auch Gustav Seibt (SZ) spricht von sich „gegen Ende vermehrenden stilistischen und gedanklichen Plattheiten“. Sabine Gruber schreckt nicht einmal davor zurück – und der Lektor hat’s nicht verhindert -, eine österreichische Schriftstellerin namens Sabine Gruber aufzubieten, ohne weitere Funktion im Geschehen.

Der Klappentext ist hilfreich, aber auch da verschwimmen einige Zusammenhänge. Sabine Gruber kann erzählen, hat sich aber mit diesem Konglomerat zu viel vorgenommen. Lebendig ist die Erzählung nur in den privaten Kümmernissen der Protagonisten. Die Zeitläufte bleiben äußerlich. Der Blick in ein Lexikon ist aufschlussreicher. Hermann Peter Piwitt nennt die Komposition des Romans „fast aleatorisch“. Der Kampf um Südtirol, der ja gerade auch in den 70er Jahren tobte, bleibt ausgeblendet, die Südtiroler Frauen hat’s ja in die Hauptstädte verschlagen.

2011        370 Seiten

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Leseprobe beim Verlag C. H. Beck

Sabine Gruber liest bei zehnseiten.de´

In ihrem Roman „Über Nacht“ spiegelt Sabine Gruber die Lebensgeschichte zweier Frauen: Irma in Wien, Mira in Rom. Nicht nur die Buchstaben lassen sich vertauschen, auch die Lebensgeschichten sind über eine Niere miteinander verwoben. Auch dieser Roman ist verschachtelt, hier allerdings ist die Konstruktion sinnstiftend und lässt auch den Leser am Zusammenfinden der beiden Frauen teilhaben. Wenn Sabine Gruber, dann „Über Nacht“.

 



A Casa Nostra
1. Juni 2011, 11:26
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A Casa Nostra –
Junge italienische Literatur

“Diese Anthologie italienischer Autoren unter vierzig ist der Versuch, eine Aufbruchsstimmung abzubilden, die sich freilich – wie alle Bewegungen – schwer fassen lässt.” (Paola Gallo & Dalia Oggero im Vorwort). Ich habe diese Stimmung nicht gefunden. Die Geschichten beschäftigen sich mit dem Alltag, das schon, aber dieser Alltag ist geprägt von Unverstehen, Trostlosigkeiten, Verteidigung des Wenigen, was man hat. Wenn man weggeht oder weggehen muss, dann in eine Zukunft, die nicht weiter führt. Die Fantasien sind bescheiden und erschöpfen sich im Diebstahl, dem Gewinn in der Fernsehshow, dem Erhalt des Partners oder des Kühlschranks. Aber das kann ja auch ein Fortschritt sein: “Diese jungen italienischen Autoren (…) können nun wieder über die Provinz sprechen, ohne sich provinziell zu fühlen, können wieder dialektale Formen benutzen, ohne dabei in Exotismus und Folklore zu verfallen. Sie können Geschichten aus einem prekären Leben erzählen, über Differenzen, Krankheit und Abweichung von der Norm, über Krieg, Einsamkeit oder Liebe.” (Vorwort)

“Die Texte – so unterschiedlich sie stilistisch und literarisch sind – zeigen ein vielschichtiges, gegenwärtiges Italien mit seinen jüngeren historischen Wurzeln, sie bieten Einblicke in alle sozialen Schichten, von den jugendlichen Kleinkriminellen der Betonschlafstädte bis in die gutbür­gerlichen Familien, aber auch in die Widersprüchlichkeit der Regionen, von den piemontesischen Bergen bis nach Sardinien und Neapel. Sie sind – viel­leicht gerade wegen der gesellschaftlichen Situation Italiens – viel politischer, als sie noch vor einigen Jahren waren.” (Susanne Schüssler, Verlagsnotiz) “Allerdings muss man mit wachem Auge das Politische dort sehen, wo man es vielleicht nicht erwartet und keine ‘Rebellionsrhetorik’ darauf hinweist“ (Jutta Person,SZ). “Sie sind – was vielleicht nur das fremde Auge wahrnimmt – sehr »italienisch«. (Vorwort) Auch das finde ich nicht. Sie sind internationaler geworden, weil die Probleme am Rande der “guten” Gesellschaft und das Leiden daran sich – zumindest – europäisiert haben.

Italien als “gelähmte Demokratie” (Nicola Lagioia) scheint auch noch eine Weile zu brauchen, bis sich der Aufbruch literarisch spürbar macht, Wut zeigt, der über den Warteraum des Lebens hinausweist.

“Wir sind also nicht nur Zeugen einer ständigen Hybridisierung und Ver­schmelzung der Formen, sondern auch des Versuchs, die Trennung abzu­schaffen zwischen Schriftstellern, die den Schwerpunkt auf den Stil oder auf die Handlung legen. Was ist Stil und wo ist er? Eine gute und uralte Frage mit immer wieder neuen Antworten. Gibt es Stil nicht auch in den besten Reportagen und erzählenden Sachbüchern?” (Vorwort) Das klingt hilflos. So schlecht sind manche der Geschichten ja gar nicht.

Autoren: Silvia Avallone, Andrea Bajani, Caterina Bonvicini, Ascanio Celestini, Paolo Cognetti, Beppe Fiore, Paolo Giordano, Nicola Lagioia, Antonella Lattanzi, Davide Longo, Marco Malwaldi, Rossella Milone, Michela Murgia, Valeria Parrella, Gabriele Pedullà, Alessandro Piperno, Gaia Rayneri, Elisa Ruotolo, Roberto Saviano und Giulia Villoresi.

2011         200 Seiten



Murgia
12. August 2010, 11:38
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Michela Murgia: Accabadora

accabadoraMaria trägt zwar ein Mal Jeans, aber sonst scheint dieser Roman aus den 1950er-Jahren zeitlos. Als viertes Kind findet Maria keinen Platz in der eigenen Familie und so wird sie, ungefragt, weggegeben zu einer Ersatzmutter, als fill’e anima, Kind der Seele/des Herzens der alten, selbst kinderlosen Bonaria Urrai. Äußerlich nimmt Maria das hin, doch es braucht Zeit, bis sich das kluge sechsjährige Mädchen in die neue Situation findet.

Die Entscheidung, eine fill’e anima zu sich zu nehmen, wurde Bonaria jedoch weniger durch die Sensationslust der Leute erschwert als vielmehr durch das anfängliche Verhalten des Mädchens, das sie sich ins Haus geholt hatte. Nachdem sie sechs Jahre lang die Nächte in einem Zimmer mit drei Schwestern verbracht hatte, war Maria daran gewöhnt, nur den Raum um sich herum als den ihren zu begreifen, der nicht mehr als eine Armeslänge von ihr entfernt lag. Die Ankunft im Hause Bonaria Urrais stellte Marias Raumvorstellung auf den Kopf. In diesen Mauern war so viel Platz, dass es einige Wochen dauerte, bis sie begriff, dass aus den Türen der vielen Zimmer niemand heraustreten und sie zurechtweisen würde: »Nicht anfassen, das gehört mir.« Bonaria Urrai machte nicht den Fehler, ihr zu sagen, sie solle sich ganz wie zu Hause fühlen, und gab auch keine anderen der üblichen Banalitäten von sich, die zu nichts anderem dienen als den Gast daran zu erinnern, dass er eben nicht zu Hause ist. Sie wartete einfach ab, bis die Räume, die jahrelang leergestanden hatten, nach und nach die Form des Mädchens annehmen würden, und als nach einem Monat alle Türen der Zimmer geöffnet worden und offen stehen geblieben waren, hatte sie den Eindruck, dass es richtig gewesen sei, auf die Kraft des Hauses zu setzen. Nachdem Maria Vertrauen zu den neuen Wänden gefasst hatte, die sie umgaben, öffnete sie sich Stück für Stück auch der Frau, die sie zu sich genommen hatte.

Maria ahnt, dass ihre neue Mutter nicht nur Schneiderin ist, sondern ein geheimnisvolles Leben führt, aber es dauert lang, bis sie herausfindet, was der Grund der nächtlichen Ausflüge Bonaria Urrais ist. Die alte Frau ist eine Accabadora, eine „Frau, die Sterbenden in Agonie zum Tode verhilft“ (Glossar zum Roman). Ob sardische Legende oder Mythos, im ländlichen Sardinien gelten die alten, ungeschriebenen Konventionen, die Totenklage, die Ordnung der Familie, die helfen – sollen -, wo die Vernunft oder der Glaube versagt. Auch der Pfarrer wird eher geduldet als gesucht, die Religion ist zu weit oben, es ist eher die Erde, von der man lebt.

In dieser bitteren Schule der Wirklichkeit lernte die Tochter Taniei Urrais das ungeschriebene Gesetz, dass nichts so sehr zu fürchten war wie das einsame Sterben und die einsame Geburt. Sie begriff, obwohl an diesem Tag ihre einzige Aufgabe war, zuzuschauen. Mit fünfzehn Jahren erfasste Bonaria bereits, dass man bei bestimmten Dingen dasselbe Ausmaß an Schuld auf sich lud, ganz gleich, ob man sie tat oder nur dabei zusah. Und niemals seit dieser Zeit waren ihr Zweifel gekommen, nicht zwischen Barmherzigkeit und Verbrechen unterscheiden zu können. Niemals vor diesem Abend, als sie in den Augen Nicola Bastíus eine Entschlossenheit gelesen hatte, die sie spüren ließ, dass er nicht Frieden suchte, sondern einen Komplizen.

Die Lehrerin hilft Maria dabei abzuhauen, weil ihr Verstand der bäurischen Archaik zwar überlegen, aber nicht gewachsen ist. Weggehen heißt für Sarden das Schiff zum „Festland“ nehmen, für Maria nach Turin, doch die Fremde ist noch fremder, undurchschaubarer als die verlassene Heimat.

Signora Gentili hatte ihr die merkwürdige Geschichte von den quadratisch angelegten Stra­ßen Turins erzählt, die anscheinend geplant worden waren, be­vor man die Gebäude errichtet hatte, zu denen sie führen sollten. Die Vorstellung, dass die Turiner zuvörderst über den Weg ent­schieden und erst in einem zweiten Schritt als Ziel die Häuser gebaut hatten, schien ihr derart abwegig, dass sie in ihren ersten Briefen an die Schwestern immer wieder davon erzählte, als handele es sich um eine amüsante Neuigkeit. Diese millimeter­genaue Ordnung war für sie unvereinbar mit dem gesunden Menschenverstand, sie war überzeugt, dass die einzig richtige Art, Straßen anzulegen, die von Soreni war, wo sie aus den Häu­sern selbst entstanden waren, wie Stoffreste beim Zuschneiden eines Kleides. Krumm und schief, zusammengesetzt aus den einzelnen Stücken, die zufällig übrig geblieben waren zwischen den planlos hervorschießenden Behausungen, die sich gegensei­tig stützten, wie zwei betrunkene Alte nach der Feier zum Na­menstag. Marta Gentili hatte ihr erklärt, dass das gleichförmige Straßenschema Turins der Sicherheit gedient hatte, denn eine Residenzstadt durfte den Rebellen und Feinden keine Winkel bieten, um sich zu verstecken. Diese Erklärung bestärkte Maria in ihrer Meinung, dass Dinge, die allzu geradlinig waren, in Wirklichkeit ein Eingeständnis von Schwäche bedeuteten: Nie­mand hätte sich die Mühe gemacht, so gerade Straßen zu ent­werfen, es sei denn, er hatte große Angst.

„Das archaische Milieu in einem sardinischen Dorf trägt zu der dichten, düsteren, manchmal unheimlichen Atmosphäre des Romans bei. Entscheidend ist dabei allerdings die ebenso wortkarge wie harte und vitale Sprache der sardischen Schriftstellerin.“ (Dieter Wunderlich) Wortkarg heißt nur, dass nichts unnötig ausgeschmückt und beschönigt ist, es heißt nicht ungenau. Michela Murgia kennt die Gefühle und hat die Bilder und sie versetzt sich damit in ihre Personen. Am stärksten in das Mädchen und die junge Frau Maria, denn allein sie hätte das Potenzial auszubrechen, sie ist die einzige, die länger in die Schule geht, der die Rituale Rätsel aufgeben. Dennoch hängt sie und hängt mit ihr die Autorin an der Inselheimat, die uns vor zu viel Rationalität bewahrt – und das ist heute wieder sehr gefragt.

Viele von den Dingen, die sie glaubte an dem Ufer zurückgelassen zu haben, von dem damals das Schiff nach Genua abgelegt hatte, kamen eins nach dem anderen zu ihr zurück, wie Treibholz, das nach einer Sturmflut an den Strand gespült wird.

2009         170 Seiten

Michela Murgia betreibt auch eine umfangreiche Webseite zu allen möglichen Themen, Naturschutz, Sardinien, Politik – natürlich auf italienisch.

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Auch aus Sardininen: Milena Agus: Die Frau im Mond

Erzählt wird von der Großmutter, einer schönen Bauerntochter, die aber ihre Liebhaber vertreibt und so zur Schande für ihre Familie wird, die sie für besessen oder verrückt erklärt. „Laut Mama muss in einer Familie zwangsläufig jemand die Unordnung auf sich nehmen, denn so ist das Leben nun mal, ein Hin- und Herpendeln zwischen Ordnung und Unordnung, ansonsten würde die Welt erstarren und stehen bleiben.“

Aus „Vernunft“gründen heiratet sie schließlich einen Witwer, doch liegen sie im Ehebett so weit am Rand, dass sie abwechselnd hinausfallen. Erst als sie wegen ihrer Nierensteine zur Kur weilt, findet sie im „Reduce“ ihre große Liebe. Ein Roman zwischen großen Gefühlen und großer Zurückhaltung, zwischen Leiden des Weltkriegs und Liebe im Thermalbad, zwischen Märchen und Sardinien, ein bisschen ironisch und ein bisschen pervers. Liest sich schön und soll ein großer Erfolg gewesen sein.

2006   135 Seiten

Salvatore Niffoi: Die barfüßige Witwe

Auch ein Roman aus der archaischen Bergwelt Sardiniens. Die Männer haben nichts gelernt, außer mit dicken Eiern durch die Welt zu protzen, den Frauen bleibt die tägliche Arbeit, sie plagen sich durchs Leben, angezogen und abgestoßen von den Kerlen, stets vergebens bemüht, sich gegen ihre Mütter auzulehnen, damit sie nicht genauso werden wie sie. Mintonia hat lesen gelernt, was ihr Momente der Analyse erlaubt, die ihr in der wilden Abgeschiedenheit aber nicht weiterhelfen. Das Festland ist bis zuletzt nur ein Gedanke.

Salvatore Niffoi lässt Mintonia ihr Leben erzählen und spickt die Geschichte mit Stein-und-Blut-Metaphern und mit vielen Worten, Sätzen und Redewendungen aus dem Sardischen. Das lässt den Bericht authentisch erscheinen, neben dem Lauf des Lebens vermisst man aber die subtile Spannung, unter der Michela Murgia Maria groß werden lässt.

In Taculè und Laranei graben Illusionen tiefe Furchen ins Fleisch der Menschen, das vom ständigen Bellen der Hunde und von der sengenden Sonne gequält ist. Tiefe Furchen, wie sie der Pflug in der tonhaltigen Ebene von Murte­du hinterließ. Die Gesichter der an Feiertagen und Beerdi­gungen schwarzgekleideten Frauen sehen aus wie aus Stein, den das Leiden abgeschliffen hat. Beim Sonnenuntergang kehren sie in Scharen von der Abendmesse zu ihren Häu­sern zurück, reden vom Krieg, von Krankheiten, Wundern, Schwangerschaften und betrunkenen Ehemännern. … Die ersten Tropfen kamen herunter und strömten wie Ochsenpisse auf die staubige Straße. Predu und Costanzu hatten gerade noch Zeit, heftig mit den Augen zu zwinkern und mit einem wilden Schrei die Tiere zu schlagen:
»Truuuuu! Ajò, voe porporì, ca si no di seco sas costas! Los, Brauner sonst hau ich dir auf die Rippen!«
Nacht legte sich auf die Nacht, und der Donnerschlag ließ die Trommelfelle platzen. Eine dunkle Wolke, die wie eine große Blase ihren Bauch öffnete, fing an, am Himmel Regen wie Maschinengewehrfeuer zu verschießen: tata, ta, tata, tata. Ratatata. Schmerzhafte Salven, die die verzweifel­ten Worte von Predu übertönten:
»Curre, curre! Curre a bidda ca istanotte Deus l’ata chin nois! Lauf? Lauf nach Hause, denn heute Nacht ist Gott auf uns böse!«

2006    200 Seiten



Italienische Krimis
9. April 2010, 19:26
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Andrej Longo: Sarahs Mörder

 Die Frage, wer Sarah umgebracht hat, findet keine eindeutige Antwort. Das mag als unbefriedigendes Ende gedeutet werden, lässt jedoch auch eigene Gedankenspiele zu.

Andrej Longos Krimi spielt in Neapel, hat damit natürlich den lokalen Hintergrund, die Korruption, die sozialen Disparitäten heben die Stadt hier nicht groß von anderen (süd)italienischen Städten heraus.

Das Besondere ist der Erzähler, ein junger Nachwuchspolizist, der noch zuhause bei Mamma lebt, nicht älter ist als das Opfer Sarah, Tochter aus gutem Hause in guter Gegend. Diesen Acanfora lässt das Gesicht „seiner“ ersten Toten nicht los, er bemüht sich intensiv um Aufklärung, macht schneller Erfahrungen, lernt, was einen im Polizistenleben weiterbringt, dass man – neapolitanisch – nicht alles eng sehen darf. Er wird rascher erwachsen, so dass er am Schluss sogar überlegt, sich eine eigene Wohnung zu suchen. Dass er zunächst naiv an die Sache herangeht, macht ihn für den Leser sympathisch. Auch die Sprache des Romans ist die des jungen Mannes.

2009       190 Seiten

+3

Loriano Macchiavelli:
Die Mörder von Sanleonardo

Kommissar Sarti Antonio ist ein bisschen pomadig, leidet unter seiner Kolitis und fährt einen alten Ottoecinquanta . Er hat es schwer bei seinen Vorgesetzten, aber auch die Fahndungsergebnisse fallen ihm nicht aus dem Ärmel.

Loriano Macchiavelli hat ein bisschen Mitleid mit Kommissar Sarti Antonio und begleitet ihn nicht nur verbal, sondern muntert ihn auch auf, bittet auch den Leser in direkter Ansprache um Verständnis. Macchiavelli schreibt sich in sein Spiel mit den Topoi des Genres sogar selbst als Figur mit in den Roman.

Der Krimi ist ganz nett, verbindet ein bisschen Lokal- und Zeitkolorit mit einer Variation üblicher Verdächtiger und einer eher bedächtigen Aufklärung. Dass Sarti Antonio Kult ist, weil er den stärksten Espresso Bolognas brüht , wie es der Klappentext weismachen will, ist Unfug.

2003            200 Seiten 

3-

Siehe auch: Gianrico Carofiglio „Reise in die Nacht“

Auf der Krimi-Couch werden ganz viele Krimis vorgestellt. Man kann sie nach Autoren oder Regionen auswählen oder auch gezielt – z.B. nach Ländern oder Städten  – suchen lassen.