Nachrichten vom Höllenhund


Seethaler
2. Dezember 2018, 13:47
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Robert Seethaler: Das Feld

seethalerfeldRobert Seethaler kann gut schöne Geschichten erzählen. Seine „Helden“ haben’s nicht leicht im Leben,schlagen sich aber unprätentiös durch, werden dem Leser zum sympathischen Freund. „Was für ein wunderbarer Autor, der uns so tief bewegen kann“, lassen sie Elke Heidenreich auf dem Cover schwärmen. Doch das ist Schwindel, denn Heidenreich meint mit ihrem Satz nicht den neuen Roman „Das Feld“ und dieser Roman bewegt weder tief noch überhaupt. Es ist auch kein Roman.

„Es ist ein Buch der Menschenleben, jedes ganz anders, jedes mit anderen verbunden. Sie fügen sich zum Roman einer kleinen Stadt und zu einem großen Bild menschlicher Koexistenz.“ (Klappentext) Nichts davon stimmt. Seethaler schreibt Toten ihr Leben aus der Seele, Toten, die im Paulstädter Friedhof liegen – auch genannt: das Feld. Die Toten berichten oder erzählen aus ihrem Leben, subjektiv, was sonst, sie reden von dem, was ihnen (bzw. Seethaler) mitteilenswert erscheint. Eine originelle Idee, die aber in der Ausführung scheitert. (Scheitern muss?) Jedes Menschenleben sei „ganz anders“, suggeriert man mir, doch ist das arg trivial, „jeder mit anderen verbunden“. Das bleibt nicht aus in einer kleinen Stadt, aber auch diese Feststellung ist banal, ihre Substanz müsste sich im Text/in den Texten beweisen. „Sie fügen sich zum Roman.“ Seethalers kurze Texte aber bleiben Schnipsel, Bruchstücke, werden eben kein Gefüge, kein Mosaik. Die Menschen existieren nebeneinander her, es gibt Überschneidungen, aber wenige Korrespondenzen. Da passt zu wenig zusammen, da stellt sich in mir als Leser kein Geflecht her. (Kann natürlich sein, dass ich zu grobsinnig bin.)

Seethalers Personen sprechen aus den Gräbern (oder Urnen oder was). Sie haben das mitzuteilen, was sie als Lebende erlebt (oder eben nicht erlebt) haben. Sie kommnunizieren nicht, sie sind in sich gefangen, sind Einzelgänger bis in den Tod und darüber hinaus. Seethaler gibt ihnen Namen und lässt ihnen die Freiheit des Ausdrucks. Manche erinnern sich an Höhepunkte oder Brüche in ihrem Leben, manche erzählen von ihrer Ruhestätte („Jetzt liege ich hier.“), es gibt Flüchtlingsschicksale und Aufzählungen der Männer, die man gehabt hat, Reflexionen über Gott, Lamentationen („Der Krebs hat auch mich erwischt.“). Sophie Breyer genügt ein Wort: „Idioten.“ Die „aus dem Totenreich her sprechenden Personen“ werden nicht „zu immerwährenden Raumgenossen im Geistigen “ (Hannah Arendt)

Ein Beispiel, beliebig herausgegriffen:

K.P. Lindow:
Im Garten sitzt ein kleiner Junge vor seinem Radio. Er hört ein Lied und beginnt zu weinen. Er wimmert und schluchzt. Nicht, weil das Lied so traurig ist. Er wimmert und schluchzt, weil es bald vorbei sein wird.
Es ist Sommer. Wespen kommen ins Haus. Sie sind zu früh geschlüpft und schwirren zu Dutzenden im Zimmer, überm Tisch, am Fenster, ehe sie sterben. Meine Mutter fegt sie in ihre kleine Haushaltsschaufel, mein. Vater klettert aufs Garagendach, um das Nest zu suchen. Er will es ausräuchern. Ich mochte die Wespen. Ich hatte keine Angst, dass eine von ihnen stechen könnte. Ich hatte Angst vor anderen Dingen. Die Wespen waren für mich unschuldig. Sie waren Engel, die jetzt klein und gekrümmt und tot in die Schaufel meiner Mutter rieselten.
Gesammelt: Steine, Schwefelstückchen, Milchzähne, Schneckenhäuser, einfach nur Dreck, Bilder nackter Frauen, Namen toter Menschen, Gummiringe (alle Farben außer Rot), Korkenzieher, Bierdeckel, Briefmarken, Brillengläser, Schimpfwörter, Racheideen.

Das ist Seethalers Crux: Keine(r) der Toten wird lebendig. Die Auslassungen aus den Gräbern bleiben blass, austauschbar trotz bemühter Individualisierung, graben sich nicht ein in das Gedächtnis des Lesers. Ihr Schicksal bleibt mir gleichgültig, kaum gelesen, habe ich mit dem Namen auch schon vergessen, was sie erzählt haben. Im Tod (er)zählen alle gleich. Das drückt sich auch im Stil aus.

Alle Toten sprechen in abstraktem, überhöhtem Deutsch. Sie sprechen in kurzen Sätzen. Und sie erzählen im Präteritum, wie es kein Österreicher täte, auch nicht als Toter. Seethalers den Toten zugeschriebene Sprache ist so leblos wie die Toten selbst.

Ein Experiment darf auch mal scheitern.Schade ist das dennoch. Und unerfreulich ist, dass der Verlag den Leser so ins Nichts lesen lässt. Der „Feld“-Versuch geht nicht auf.

Gerd Ingerland
»Es gibt auf dieser Welt Schafe und Wölfe, aber es gibt keine Wahl. Du kannst es dir nicht aussuchen, verstehst du?
Es ist keine Entscheidung, es ist Schicksal. Aber du hast Glück: Du bist ein Wolf. Du bist stark und ausdauernd. Du wirst nicht gefressen. Du frisst. Niemand weiß, wie Wolfsfleisch schmeckt. Das Schicksal ist auf deiner Seite. Du bist einer von uns.«
Ich war zehn, als Papa das zu mir sagte.

„Strukturell herrscht das reine Nacheinander, und damit das Vergessen.(…) 29 Figuren, die alle wie Robert Seethaler klingen, sind 28 Figuren zu viel. (Burkhard Müller, SZ) Ich habe bei Figur 20 aufgehört.

2018           240 Seiten

Leseprobe beim Hanser-Verlag