Nachrichten vom Höllenhund


Scharang
26. März 2010, 17:35
Filed under: - Belletristik | Schlagwörter:

Michael Scharang: Komödie des Alterns

Die beiden Helden in der Komödie des Alterns sind ein Ägypter und ein Österreicher, der eine hat in Österreich Maschinenbau studiert, der andere ist Schriftsteller. Nach den Lehrjahren in Österreich beginnen die Wanderjahre. Sie gehen nach Ägypten, gründen in der Wüste eine Farm und organisieren das Unternehmen gemeinnützig, man kann auch sagen sozialistisch. Das Bestehende, Kapitalismus und Religion, ist für die beiden bloß ein Dreckhaufen. Nur davorzustehen und zu klagen, daß der Dreck stinkt – also die handelsübliche Kritik -, ist ihnen zu langweilig und zu unappetitlich. Die beiden sind radikal und kämpferisch, es mangelt ihnen aber auch nicht an Unernst und Übermut. (Scharang im Interview)

Das alles ist vorbei, als der Roman mit den Worten „Es waren zwei Männer“ beginnt. Diese zwei Männer, der österreichische Heinrich und der ägyptische Zacharias, stehen mit 60 Jahren am Ende ihrer SturmundDrang-Zeit und fast ihres Lebens, sie haben sich zerstritten, eine Frau kam indirekt dazwischen, und warten banger Hoffnung auf ein letztes Treffen, auf eine letzte Aussprache in der Wüstenfarm. Beim Warten kommen Gedanken, der Roman entwickelt sich in die Vergangenheit. Es geschieht aber weiterhin nichts, die beiden essen ein bisschen was, reden schließlich auch, aneinander vorbei. Auch über Kapitalismus und Religion wird palavert, auch hier fehlt mir die Bindung an eine Handlung, welche eine Kritik am „Dreck“ erst beglaubigen würde. Ähnliches gilt für die Auslassungen zu Musik und Poesie. Die „gemeinnützig“ organisierte Wüstenfarm erinnert ein wenig an die Kibbuzim, ist hier aber wenig mehr als eine Idee.

Im Roman handeln die Personen nur schwächlich, fast zur Gänze wird auktorial in indirekter Rede erzählt. Man könnte sich einlesen, fragt sich aber, ob man was davon hat. Scharangs Prosa wird als “formbewusst” gelobt, der Roman sei in  „altehrwürdiger Manier erzählt” (David Axmann in der Wiener Zeitung), was heutzutage ein Kompliment zu sein scheint. Ekkehard Knörer (taz) bescheinigt Scharang einen “ästhetisch durchaus avancierten Kulturkonservatismus“. Manche Rezensenten erinnert die Schreibweise an Hesse oder Stifter, ich würde auch bernhardeske Salbaderei gelten lassen, denn der Roman hat mich größtenteils gelangweilt.

Sie schwiegen. Freudensprung, von der Angst gepackt, es könnte ein Schweigen sein, das, währte es auch nur eine Minute, nie wieder gebrochen würde, ging zum Angriff über. Sie hätten, sagte er, schon in jungen Jahren Ziele für sich formuliert, ohne zu bedenken, daß das Leben des einzelnen so wenig ein Ziel habe wie die Mensch­heitsgeschichte insgesamt, auch wenn diese, zwar nicht geradlinig, aber notgedrungen fortschreite. Zacharias habe, sobald feststand, daß die Farm sich wirtschaftlich gut entwickle, die Gründung – offenbar müsse Zacharias pausenlos etwas gründen – einer Akademie angekündigt, stets mit dem Zusatz, die werde sein Lebenswerk sein. Was für ein Blödsinn!

Er selbst, fuhr Freudensprung fort, sei um nichts besser. Er habe jeden Text, den er schrieb, als Stufe einer Ent­wicklung betrachtet, die im Alterswerk den Höhepunkt erreiche. Unsinn! Er sehe schon, wie das todessüchtige Alterswerk zusammen mit jenem toten Lebenswerk be­erdigt werde. Nein, sagte Freudensprung, es verhalte sich anders, als die Freunde gedacht hätten: Das Le­benswerk stehe am Beginn, nicht am Ende des Lebens; und das Alterswerk beziehe seine Kraft aus dem Ju­gendwerk. 

 2010     –       250 Seiten

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Wenn Romane über „alte Männer“, dann die anderen unter diesem Schlagwort versammelten oder Gerd-Peter Eigner: Die italienische Begeisterung.


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