Nachrichten vom Höllenhund


Ruge
15. September 2016, 18:42
Filed under: - Belletristik | Schlagwörter:

Eugen Ruge: Follower

rugefollower2011 hat Eugen Ruge die Geschichte einer (seiner) Familie erzählt, über drei Generationen, am 1. Oktober 1989 kreuzen sich verblichene Vergangenheit und sehr vage Zukunft. Die Gegenwart findet in der Küche statt, die Burgundergans wird noch einmal augetischt.

2011 war Ruge fast 60 Jahre alt, er hatte sich sein Thema lange aufbewahrt: Warum bin ich so einer geworden, wie ich einer bin – und hat mein Schicksal vielleicht etwas mit der Welt außer mir oder gar mit meiner Familie zu tun? Ist die Familiensaga im Buch, gbit es nichts mehr zu schreiben. Dachte ich, doch der Erfolg war groß, „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ erhielt den Deutschen Buchpreis. Folgeromane sollten her.

2016 veröffentlicht Ruge den Roman „Follower“. Und das Thema des Romans ist die Familiengeschichte, die eigentlich schon erzählt schien. Ruge schreibt sie weiter. Und sein Bezugsrahmen ist diesmal nicht das 20. Jahrhundert, sondern – die Geschichte des Universums. Darunter gehr’s nicht. Ruge „will die Geschichte nicht vom Urknall an erzählen“,  aber “ich erspare Ihnen zum Beispiel die Erklärung dafür, warum die Erzählung erst 5,391.10-44 Sekunden nach dem Urknall beginnen kann”. Er überschreibt die Geschichte mit “GENESIS/KURZFASSUNG“ und er will damit erläutern, weshalb „unser Held“ eigentlich ein Produkt irrsinniger Unwahrscheinlichkeiten ist „Wäre die Expansionsgeschwindigkeit des Univer­sums im Moment nach dem Urknall jedoch nur um ein Hunderttausendmillionstel Milliardstel kleiner gewesen, sagen die Wissenschaftler, so wäre das Universum wieder in sich zusammengestürzt, bevor es auch nur die Größe eines Tennisballs erreicht hätte. Ist das nicht erstaunlich? Wären Protonen nur zwei Tausendstel schwerer, als sie es tatsächlich sind, hätten sie sich nicht zu stabilen Atomen formieren können, und die Welt, wie wir sie ken­nen, wäre niemals entstanden.” Ruge ist Mathematiker und weiß alles plausibel zu berichten, auch wenn dann doch der Mensch entsteht und seine Gechichte macht, durch die Antike und den Dreißigjährigen Krieg und den Sozialismus bis zur “fehlenden Pille”. Lauter Zufälle, damit der “Held” auftreten konnte,geboren  am 1. September 2016: Nio Schulz.

Die GENESE währt 53 Seiten, nicht so viel bei den 320 Seiten des Buches. Der Hauptteil des Romans spielt im Jahr 2055, Nio Schulz ist 39, erhält sich als “Associative Agent bei CETECH (Honorar Basis)” einer Firma für “True-Barefoot-Running-Fuß­bänder” in China auf und soll “kollektive Identitäten” verkaufen. Was Nio Schulz nicht ist: ein Held. Er ist passiv, denn der Roman hat keine Handlung, der Leser darf/muss einen Tag im hektischen Leben des Nio Schulz miterleben. Die Hektik entspringt der omnipräsenten und unentgehbaren Kommunikation mittels der nutzbaren und gewinnbringenden “sozialen” Medien. Was Ruge als den Zustand des Jahres 2055 aufhäuft, ist allerdings der Zustand von 2016. Ruge erfindet nichts (wenig) neu für die Zukunft, er verdichtet die Verhältnisse der Gegenwart, wodurch er immer wieder amüsante Effekte erzielt. Die inhärente Kritik lässt eine durchaus reaktionäre Einstellung mitschwingen. Er tischt auf, was alle kennen und worüber sich alle aufregen. Der Leser wird zur Mitverschörung gefangen, eine recht billige Methode.

Oberstes WTO-Schiedsgericht bestätigt das Recht auf wirtschaftliche Verwertung des eigenen Todes,
las Schulz, aber bevor er sich fragen konnte, was mit dem Recht auf wirtschaftliche Verwertung des eigenen Todes gemeint sein könnte, verblasste die Meldung schon wie­der und vor dem grauen Himmel erschien in gelber Schrift ein neuer Tweet von @Luzia, die der Welt mitteilte, ihr Kokos-Bounty-Kuchen sei angebrannt,
gefolgt von einer Mitteilung von @FemFatal, die unter dem Hashtag #schulz twitterte: g+±fwh
und obwohl natürlich der andere, der zurückgetretene Afro-Schulz gemeint war, empfand Schulz erneut eine ge­wisse Irritation angesichts der Tatsache, dass sein Name Ziel einer solchen Verwünschung geworden war, zugleich aber auch Zufriedenheit darüber, dass es ihm noch immer gelang, die kryptische Sprache der Jungmenschen zu ent­ziffern:

Geh sterben fetter weißer Hetero.

aber das war wahrscheinlich schon wieder paranuic4 dachte Schulz und wandte sich wieder dem Compact über Die Bedeutung der Marke im postpostmateriellen Zeitalter zu, entschlossen, sich nicht weiter ablenken zu lassen,
weder von Chinesen, die elektrische Goldfische fischten, noch von angeblich verstorbenen Großvätern, weder von Startuppern und Echthornbrillen noch von Erinnerungen an den desaströsen Abend mit Sabena im Flughafen-Hotel Frankfurt – später, nach dem Termin, würde er genügend Zeit haben, darüber nachzudenken, den ganzen Rückflug hätte er Zeit, darüber nachzudenken, und vielleicht wäre ja das ein Thema für sein AKW-Bekenntnis, dachte Schulz, vielleicht sollte er den Mut haben, darüber zu reden: das Schlimmste, sagte Stony immer, sei gerade schlimm ge­nug, nur was hatte das mit weißmännlichhetero zu tun,
fragte sich Schulz, wahrscheinlich hatte es gar nichts damit zu tun, wahrscheinlich war das einfach nur krank, dachte Schulz, wahrscheinlich würden sie ihn einfach nur für verrückt halten, wenn er ihnen erzählte, dass er, wenn er Sabena nach drei oder vier Wochen wiedersah, eine geschlagene Stunde lang immerzu auf ihre Hände star­ren musste, weil sie ihm auf einmal vorkamen wie kleine Schildkröten

fock you, der Hang Seng verliert zweiundzwanzig Prozent, die virtuelle Konferenz der Weltbank fordert eine tempo­räre Schließung der Börsen, Wienerwald wirbt für Leckere regionale Vegi-Gerichte, auf der digitalen Werbefläche ser­viert eine blonde Chinesin im üppig gefüllten Dirndl Zä­pfle Hefeweizen Naturtrüb Alkoholfrei, der klassische Hom­burg scheint plötzlich wieder in Mode zu sein, ein Mann trägt einen Stahlhelm, ein anderer hat eine Art Fara­day’schen Käfig um seinen Kopf (mit Aussparungen für die Ohren), was ist los, Heter, redest du nicht mit mir, Schulz deaktiviert das CETECH-Plug-in, aber Jeff ist noch immer zu hören, jetzt zupf dir mal nicht die Härchen aus dem Sack, ein Arsch mit lebensecht aufgenähten Herzchen-Taschen wackelt vorbei, auch fotoidentische Scheintitten sind wie­der zu sehen, biege rechts ab und passiere den Sti-Wens­Platz, sagt Lau Dse, Schulz erkennt das bunt gemusterte Dach des Stephansdoms, wenn auch nur in Miniatur, wo bist du überhaupt, Heter, ein als Roma oder Sinti oder Je­nischer oder Angehöriger einer anderen zur Dauermigra­tion gezwungenen Bevölkerungsgruppe Europas Verklei­deter spielt auf der Geige Musik der Roma oder Sinti oder einer anderen zur Dauermigration gezwungenen Bevölke­rungsgruppe Europas, die Schulz aber nicht hört, weil ihm der Sänger von Anderdok ins Ohr brüllt, nur für gelegent­liche Meldungen wird die Musik kurz zurückgefahren: Punkt zehn Uhr achtzehn südaustralischer Zeit findet planmäßig die klimaregulierende Großsprengung auf dem australischen Kontinent statt, der transpazifische Rat bedauert, die Vorsitzende der Großen Mitte-Links­Rechts-Partei erklärt, der #AufschreiGegenRassismusBei@ dpa schafft es unter die Top Ten der Tagesnews, @dpa verliert zweiunddreißig Prozent, @Luzia gibt ihren Klar­namen und ihre Adresse bekannt, sie heißt Sarah Klump und wird sterben, wenn keiner von euch Arschlöchern die Nothilfe ruft, es gibt plötzlich Headshops am Straßenrand, hier kann man – in geringen Mengen – legal Alkohol kau­fen, Wienerwald wirbt für original Tofu-Eisbein, saftiges In­vitro-Rippchen auf Kraut, Kaiserschmarrn eifrei milchfrei mehlfrei und ohne Zucker

usf. Das liest sich gar nicht so mühsam, wie es scheint, wird  aber mehr und mehr zäh, da kein Fortgang zu erkennen ist. Ruge nennt “Follower” einen Roman in 14 Sätzen, es gibt ja auch im Leben keine Zwischenräume mehr, keine Freiräume, denn alles muss in Echtzeit erfahren werden, muss “pisi” sein, p.c., politisch korrekt. Ruge erlaubt sich, das zu unterlaufen, er lässt seinen Follower (Achtung: doppeldeutig) Nio auf “fotoidentische Scheintitten” starren. Fürs Jahr 2055 erfindet Ruge einen „Transit-Schutzwall“ gegen „Restwelt-Migranten„, „klimaregulierende Großsprengungen“ in Australien und einen Trend zur „Eigengeburt„, Behinderte heißen pisi „Sonderbefähigte„, es gibt „Männerfahrstühle“ und eine „Große Mitte-Links-Rechts-Partei„, die sich für die Sicherheit der Spareinlagen verbürgt. Das liest sich wie eine Parodie der Gegenwart. “Follower” ist doch eher ein gelehriger Alttmännerroman. Wobei Roman als Genre kaum zutrifft, da die Handlung fehlt und die “Urknall”-Geschichte der Sippe nicht mit dem in China Ertragenen verwoben ist.

„Karikierend wird die Gegenwart überhöht, aber richtig böse gerät die Satire nicht. Denn im Grunde wird nur in die Zukunft fortgeschrieben, was heute schon der Fall ist (…) So ist Follower zwar ein streckenweise kurzweiliger Big-Data-Krimi. Aber mehr als von den Gefahren, die wir aus der Google-Welt schon kennen, erzählt er uns nicht.“ (Edelgard Abenstein, Deutschlandradi Kultur)

Zum Schluss das bisschen “Selbstironie”Ruges. Nio erfährt

dass der Mann ein bekannter Schriftsteller gewesen war – tatsächlich war sein Großvater dieser Tätigkeit nachgegangen, allerdings war Schulz nicht bewusst, dass er bekannt gewesen wäre,
dass er die folgenden Bücher geschrieben hatte – nun kamen verschiedene Titel, die Schulz alle nicht kannte, allerdings wunderte es ihn, dass sein Großvater, der nicht mal ein Smartphone besessen hatte, ein Buch mit dem Titel Follower geschrieben haben sollte,
und dass er nach seinem, wie es hieß, internationalen Erfolg zunehmend globalisierungskritisch und fortschrittsfeindlich geworden war, was wiederum auf den Großvater zu passen schien, allerdings: waren Schriftsteller nicht sowieso globalisierungskritisch und fortschrittsfeindlich?

 

2016         320 Seiten

Leseprobe beim Rowohlt-Verlag (pdf)

3-4


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